Über das Sammeln
Eines Menschen Erinnerungen reichen zurück bis in seine frühe Kindheit, weiter nicht. Durch Bücher erfahren wir, das schriftlich Überlieferte als Medium benutzend, Erweiterung in die Jahrhunderte vor unserer Geburt, und wir entdecken, daß damals Menschen lebten, die ihr Leben anders ausrichteten oder ähnlich, nie gleich, und wir lernen von ihnen mehr, als wir es von unseren Zeitgenossen je vermöchten, die wie wir befangen sind in ihrer Gegenwart.
In den Erstausgaben, in denen die Intentionen ihrer Verfasser am besten wiedergeben werden, in denen letzter Hand, die den Reifeprozeß des Lebens Ausdruck finden lassen, in all den gelesenen und vielleicht annotierten Büchern, mehr noch in den Autographen und Widmungsexemplaren – dort überall finden wir den Autor, finden wir sein Leben, finden wir Leben, wie es von Anbeginn der Sprache sich entwickelte.
Und im Gehäuse des Buches, in seinem Einband, finden wir Handwerk, dessen Meisterschaft, und Kunst zugleich.
Sammeln ist ein Ausdruck von Willkür, denn nur unser Wille leitet uns auf diesem auswählenden Streifzug durch die Zeiten, befreit von der Pflicht eines vorgeschriebenen Pensums widmet er sich der Kür: der Konversation mit ausgesuchten, mit erlesenen Geistern, die sich nun in den Bücherregalen und Vitrinen versammeln, darauf warten, herausgezogen, genossen, aufgeschlagen und studiert zu werden.
Und wenn wir die Texte lesen, Texte von Menschen, die vergangen sind – und deren Sätze uns trotzdem so berühren wie die Herausforderungen des alltäglichen wie des überraschenden Lebens, ja mehr noch bisweilen, wenn wir diese Texte lesen, sie zu uns sprechen lassen, dann wissen wir sicher und ohne Zweifel, daß wir in einer Kette stehen von Anbeginn der Wörter bis heute, und daß wir uns durch die Zeiten nahe sind, in Freuden, Leid, Schönheit, Tiefsinn und Komik.
Wir Antiquare und Sammler sind die Bewahrer und die Nutznießer dieser Gedächtnisreisen der Menschheit, wir bewahren, wir öffnen uns diesem Füllhorn, ohne das menschliche Existenz nicht möglich wäre. Alles Selbstfinden gründet auf dem Wissen um das Gefundensein. Hier finden wir uns, in der Überlieferung, in den Büchern.
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