portio
mea,
δαίμων, sit in
orbem viventium
Samstag, der 31. Juli 2010
„Die Freiheit, alles zu äußern, was man denkt; die Geringfügigkeit der Abgaben und der daraus entspringende niedrige Preis aller Lebensbedürfnisse; das gänzliche Zurücktreten der Polizei, die nur dem boshaften Übermute ohne Geräusch Schranken setzt, und weit entfernt ist den einheimischen Bürger, so wie den Fremden, mit gehässigem Amtseifer zu quälen; die Entfernung alles soldatischen Unwesens, die gemütliche Ruhe, womit Geschäfte, Gewerbe getrieben werden: alles das wird Ihnen den Aufenthalt in unserm Ländchen erfreulich machen.“
E.T.A. Hoffmann: „Die Elixiere des Teufels“
Sonntag, der 18. Juli 2010
„Auch ein Werk, das die Zeit über ihren Bagatellen undankbar zu vergessen scheint, ist Hölderlin’s Hyperion. Wer je entrüstet war in seinem innersten Herzen über die Schlechtigkeit des Jahrhunderts, und die Verworfenheit der gezähmten und dressirten Menschen-Natur; wer verwundet sich fühlte von der tiefen Versunkenheit, in der die Abkömmlinge der Götter unter den Thieren des Feldes herumweiden, und das Antlitz immer und immer gegen die Erde gewendet, sich ihre nothdürftige Nahrung aus ihr herausraufen; wer je sein Gemüth gedrückt und gepreßt fühlte von der unbegreiflichen Verworrenheit, in der das Geschlecht tageblind herumtaumelt ... und wer dann in sich aufglühen sah die hohe Flamme des Enthusiasm, und hinein sich stürzte in den gewaltigen Strudel, und entgegen sich stemmte mit der ganzen Unendlichkeit von Kraft, die er in sich zu umschließen glaubte, und den tobenden Sturm beschwören wollte mit seinem lebendigen Athem ... und wer dann den Teufel hohnlachen hörte über sich in den Lüften, und es empfand, wie die ergrimmten Mächte, denen er getrotzt hatte, auch ihm die eisernen Fäuste auf den Nacken legten, und ihn erdrücken wollten als Opfer den Rachegöttinnen geweiht, und nicht eine Liebe hatte, die den Grausamen ihn entführte – der wird in Hyperion einen Bruder grüßen, erstaunt wird er seine ganze Vergangenheit in ihm umarmen; sein verflossenes Leben, das er längst gestorben glaubte, wird wunderbar feierlich ihm entgegentreten, und alle Gefühle, die er verweht, und zerstoben und verblichen glaubte, ihm wieder bringen, und dafür die Gegenwart und die Zukunft ihm abfordern.“
Joseph Görres über Hölderlins „Hyperion“. In: „Aurora“ (24. Oktober 1804, Nr. 128, Seite. 509).
Montag,
der 21. Juni 2010
To Summer
O thou who passest thro’ our
valleys in
Thy strength, curb thy fierce steeds, allay the heat
That flames from their large nostrils! thou, O Summer,
Oft pitched’st here thy goldent tent, and oft
Beneath our oaks hast slept, while we beheld
With joy thy ruddy limbs and flourishing hair.
Beneath our thickest shades we oft have heard
Thy voice, when noon upon his fervid car
Rode o’er the deep of heaven; beside our springs
Sit down, and in our mossy valleys, on
Some bank beside a river clear, throw thy
Silk draperies off, and rush into the stream:
Our valleys love the Summer in his pride.
Our bards are fam’d who strike the silver wire:
Our youth are bolder than the southern swains:
Our maidens fairer in the sprightly dance:
We lack not songs, nor instruments of joy,
Nor echoes sweet, nor waters clear as heaven,
Nor laurel wreaths against the sultry heat.
William Blake
Dienstag,
der 15. Juni 2010
Blau & Weiß
Sie saßen tagelang am Strand
und blickten auf das Blau, wo Blau
mit Blau verschmilzt, kein Wolkengrau.
Und traumesfern, so fern, daß kein
Gedanke es berührt, kein Ort
es trifft, dort ruht ein Pferd, das einst
auf schmalem Streifen lief, wo Sand
und Wasser sich liebkosend streiten.
Sie saßen tagelang am Strand,
und sah’n das Pferd, das Wasser, Weiten.
Der Sand entschwand im Meer, dann Blau,
dann Wolken, weiße Knochen. Fort.
Sonntag, der 6. Juni 2010
„Eine der schlimmsten Erfahrungen des reifen Alters ist die, daß man niemanden weiter bringen kann, außer sich selbst.“
Hugo von Hofmannsthal
Sonntag, der 30. Mai 2010
“‘Yes.’ The affirmation, the acceptance, the sign of admittance. And that ‘Yen’ is more than an answer to one thing, it’s a kind of ‘Amen’ to life, to the earth that holds this thing, to the thought that created it, to yourself for being able to sec it. But the ability to say ‘Yen’ or ‘No’ is the essence of all ownership. It’s your ownership of your own ego. Your soul, if you wish. Your soul has a single basic function – the act of valuing. ‘Yen’ or ‘No,’ ‘I wish’ or ‘I do not wish.’ You can’t say ‘Yes’ without saying ‘I’ There’s no affirmation without the one who affirms. In this sense, everything to which you grant your love is yours.”
Ayn Rand: “The Fountainhead”. p. 539.
Montag, der 24. Mai 2010
“The Temple was to be a small building of gray limestone. Its lines were horizontal, not the lines reaching to heaven, but the lines of the earth. It seemed to spread over the ground like arms outstretched at shoulder-height, palms down, in great, silent acceptance. It did not cling to the soil and it did not crouch under the sky. It seemed to lift the earth, and its few vertical shafts pulled the sky down. It was scaled to human height in such a manner that it did not dwarf man, but stood as a setting that made his figure the only absolute, the gauge of perfection by which all dimensions were to be judged. When a man entered this temple, he would feel space molded around him, for him, as if it had waited for his entrance, to be completed. It was a joyous place, with the joy of exaltation that must be quiet. It was a place where one would come to feel sinless and strong, to find the peace of spirit never granted save by one’s own glory.”
Ayn Rand: “The Fountainhead”. p. 334.
Sonntag, der 23. Mai 2010
“The Nature of this Silence is shewn also by the God Harprocrates, the Babe in the Lotus, who is also the Serpent and the Egg, that is, the Holy Ghost.”
Aleister Crowley: “Liber Aleph. Ff. De Natura Silentii Nostri”.
Freitag,
der 7. Mai 2010
Artikel 125 des Vertrages über die Arbeitsweisen der Union
(AEUV):
“Why speak of rigid, unbreakable laws? Our modern laws are elastic and open to interpretation according to … circumstances.”
Ayn Rand: “Atlas Shrugged”, p. 581.
Dienstag, der 4. Mai 2010
“‘Señor
d’Anconia, what do you think is going to happen to the
world?’
‘Just exactly what it deserves.’”
Ayn Rand: “Atlas Shrugged”, p. 380.
Dienstag, der 27. April 2010
„Niemand schien mehr eine eigene Ansicht oder Meinung zu haben, sondern nur die Meinung der Kaste oder des Standes oder Vereines, dem er angehörte.“
Paul Madsack: „Tamotua. Die Stadt der Zukunft.“ Seite 101.
Freitag, der 23. April 2010
„Propheten standen auf mit ungepflegtem Kopfhaar, die das Ende der Welt verkündeten, Krautfresser erhuben sich und prophezeiten ein neues Geschlecht von Übermenschen, das am Nordpol entstehen würde. Hellseher und Telepathen, Sterndeuter und Vogelflugkundige weissagten grauenvolle Ereignisse, und Gespenster gingen am hellen Tage in den Straßen um.
Am zahlreichsten jedoch waren die Volksbeglücker und Volkswohltäter, die sich selbst entdeckten und den Cimbroniern das paradiesische Glück aus der Menschheit Kindheitstagen wiederbringen wollten.“
Paul Madsack: „Der schwarze Magier.“ Seiten 112-113.
Sonntag, der 18. April 2010
Umbau der Seite abgeschlossen. Die Programmierung ist nun etwas zeitgemäßer geworden, hoffentlich. Eventuelle Fehler bitte ich, mir zurückzureichen.
Sonntag, der 4. April 2010
“To
see a world in a grain of sand,
And a heaven in a wild flower,
Hold infinity in the palm of your hand,
And eternity in an hour.”
William Blake: “Auguries of Innocence”
Samstag, der 3. April 2010
Einige Umstellungen bei den CSS: das Drucken der → Angebotslisten ist nun wesentlich verbessert: es wird nur noch der reine Text der Titelaufnahmen ausgegeben, ohne das Drumherum, das nur im Netz Sinn ergibt. Das Ausdrucken der Suchergebnisse ist etwas einfacher geworden.
Benutzer des Internet-Explorers können meine Seiten nun augenschonender betrachten als bislang, doch sind für sie die sonst fest auf dem Bildschirm verankerten Kästchen (i.e. Signet sowie die beiden Navigationen) Teil des Bildlaufes. Am besten sehen meine Seiten daher mit Firefox, Opera oder einem anderen Navigator aus, der sich an die Konventionen hält.
Samstag,
der 20. März 2010
Frühlingsæquinox
“’Twas
Bacchus and his kin!
Like to a moving vintage down they came,
Crown’d with green leaves, and faces all on flame;
All madly
dancing through the pleasant valley,
To scare thee, Melancholy!“
John Keats: “Endymion“, Book IV, 199 sqq.
Sonntag, der 14. März 2010
„Malo periculosam libertatem quam quietam servitutem.“
Thomas Jefferson in einem Brief an James Madison.
Mittwoch, der 6. März 2010
Heute habe ich meine Angebotseite auf „Georgia“ umgestellt, ebenfalls eine Antiquaschrift, jedoch im Unterschied zu der vorher benutzten „Times“ für die Wiedergabe auf dem Bildschirm optimiert.
Die Lesbarkeit der Texte hat sich dadurch wesentlich verbessert. In „Times“ wird meine Seite nur noch angezeigt, sollte die neue Schrift auf Ihrem Computer nicht installiert sein.
Mittwoch, der 17. Februar 2010
“But a Broom-stick, perhaps you will say, is an Emblem of a Tree standing on its Head; and pray what is Man, but a topsy-turvy Creature, his Animal Faculties perpetually mounted on his Rational, his Head where his Heels should be, grovelling on the Earth!”
Jonathan
Swift.
Motto aus „Coven. Dreizehn grausliche
Kurzgeschichten.“
Das Büchlein wird zum Frühlings-Æquinox
erscheinen.
Donnerstag, der 21. Januar 2010
Wer Bibliophilie als grundsätzlich abgehoben vom Sammeln versteht, ist meilenweit von ihr entfernt. Wer nur Bücher sammelt – und wer tut dies schon – hat nur ein Teil.
Im Ganzen, das verursacht und gesteuert wird von Lebensnotwendigkeit, nämlich der, sich der Fülle des Lebens zuzuwenden, die alles umschließt, Vergangenes, Gegenwärtiges, selbst Zukünftiges, angesichts eines solchen, eigentlich uneinlösbaren Selbstversprechens, dies zu bewältigen, das immer neue Bemühungen nach sich zieht, die Partikel miteinander, vielleicht auch spielerisch, in Relation zu setzen, um den Ausblick, wenn für einen Lidschlag bloß, zu erhaschen, endlich den nämlich auf das Menschlich-Ganze, also den auf das Eigene, das die nahestehendste Äußerung des Alles ist, einzig im diesem kleinen Blick auf das Objekt, das vor uns auf uns verweist, tut sich der weite Horizont eines Kosmos auf, in welchem unser Selbst Heimat hat.
Samstag, der 9. Januar 2010
“When
a true
Genius appears in the World, you may know him by this Sign: that the
Dunces are all in confederacy against him.”
Jonathan Swift: “Thoughts on Various Subjects”.
Sonntag, der 3. Januar 2010
Mancher Leute Geist und Verstand sind im Mainstream ersoffen.
Donnerstag, der 31. Dezember 2009
All meinen Kunden, allen Lesern, überhaupt allen Bibliophilen einen guten Rutsch und ein erfolg- wie bücherreiches Neues Jahr.
Sonntag, der 27. Dezember 2009
„Dämonisch
ist der Abgrund, der nie gefüllt, dämonisch die
Sehnsucht,
die nie gestillt, der Durst, der nie gelöscht wird.“
Leopold Ziegler: „Das Heilige Reich der Deutschen“. Darmstadt, 1925.
Sonntag, der 20. Dezember 2009
“Man
is least himself when he talks in his own person. Give him a mask, and
he will tell you the truth.”
Oscar Wilde: “The Critic As Artist”, Scene 2.
Sonntag, der 13. Dezember 2009
„En
adsum tuis commota, Luci, precibus, rerum naturae parens, elementorum
omnium domina, saeculorum progenies initialis, summa numinum, regina
manium, prima caelitum, deorum dearumque facies uniformis, quae caeli
luminosa culmina, maris salubria flamina, inferum deplorata silentia
nutibus meis dispenso: cuius numen unicum multiformi specie, ritu
vario, nomine multiiugo totus veneratur orbis. inde primigenii Phryges
Pessinuntiam deum matrem, hinc autocthones Attici Cecropeiam Minervam,
illinc fluctuantes Cyprii Paphiam Venerem, Cretes sagittiferi Dictynnam
Dianam, Siculi trilingues Stygiam Proserpinam, Eleusinii vetustam deam
Cererem, Iunonem alii, Bellonam alii, Hecatam isti, Rhamnusiam illi, et
qui nascentis dei Solis inchoantibus inlustrantur radiis Aethiopes
utrique priscaque doctrina pollentes Aegyptii caerimoniis me propriis
percolentes appellant vero nomme reginam Isidem.“
Apulei Metamorphoseon. XI,5,1-3.
Montag, der 7. Dezember 2009
Ein
langer Weg, ich wußte es,
mein Auge sah nicht weit genug;
das Ziel ging mit dem Fuß, der schritt,
ich blickte nieder, es ergriff mich fest.
Mittwoch, der 25. November 2009
„Je
mehr Leute es sind, die eine Sache glauben, desto
größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die
Ansicht
falsch ist. Menschen, die recht haben, stehen meistens
allein.“
Søren Kierkegaard
Montag, der 9. November 2009
Den
leeren Fluß überqueren.
Samstag,
der 31. Oktober 2009, Samhain
Lilith, nach Dante Gabriel Rossetti
Von
Lilith, Adams erster Frau, sagt man,
(er liebte diese Hexe noch vor Eva)
daß vor der Schlange ihre Zunge
täuschte,
und ihr verhextes Haar war erstes Gold.
Sie sitzt, noch immer jung, auf alter Erde,
und denkt Gedanken, zieht herbei die
Männer,
das helle Netz, das sie gewebt, zu schaun,
bis Körper, Herz und Leben drin gefangen.
Die Mohnblum und die Rose sind die ihren;
wo wär, o Lilith, er, den nicht ein Duft,
ein sanfter Kuß und milder Schlaf
umspännen?
Wie jenes Jungen Augen zu dir brannten,
durchflutet sie dein Zauber, beugt den Nacken,
legt um sein Herz ein goldnes Würgehaar.
Donnerstag, der 29. Oktober 2009
I
Feuchtes Regengrün
frischer Herbst in der Nase
die Sonne steht tief
sie leuchtet durch Blätter
II
Blinde sind wir
im durstigen Haufen aus Zeit
zum Altern verführt
anfällig
Liebkosungen der Haut zu ertragen
mit Zärtlichkeiten zu handeln
Herbstblätter
draußen vor meinem Blick
reitet ein Pferd
Hades naht
doch niemand legt dem Jahr
einen Pfennig aufs Auge
Montag, der 12. Oktober 2009
ΚΕΦΑΛΗ
Η
Steeped
Horsehair
Mind is a
disease of semen.
All that a man is or may be is hidden therein.
Bodily functions are parts of the machine; silent, unless in dis-ease.
But mind, never at ease, creaketh “I”.
This I persisteth not, posteth not through generations, changeth
momently, finally is dead.
Therefore is man only himself when lost to himself in The Charioting.
Aleister Crowley: “The Book of Lies”. p. 16.
Donnerstag, der 8. Oktober 2009
»Das Schwarze Rauschen ist die Summe aller Diskursvarietäten. Anders gesagt, ein weißes Rauschen, dessen Bestandteile sämtlich durchdacht und durchfinanziert sind. Eine zufällige, willkürliche Menge von Signalen, die jedes für sich genommen weder willkürlich noch zufällig sind. Es ist dies die mediale Umgebung des modernen Menschen.«
»Und wozu gut? Die Menschen an der Nase herumzuführen?«
»Nein«, antwortete Kaldawaschkin, »Sinn und Zweck des Schwarzen Rauschens ist nicht die direkte Manipulation, sondern die Schaffung eines Informationshintergrundes von solcher Dichte, dass die Wahrheit darin unmöglich zu entdecken ist, insofern ... «
Viktor Pelewin: „Das fünfte Imperium”. S. 271.
Samstag, der 3. Oktober 2009
“The truth is, I do indulge myself a little the more in pleasure, knowing that this is the proper age of my life to do it; and, out of my observation that most men that do thrive in the world do forget to take pleasure during the time that they are getting their estate, but reserve that till they have got one, and then it is too late for them to enjoy it.”
Samuel
Pepys, “Diary”, March 10, 1666.
Das trifft auf die Bücherliebhaberei natürlich ebenso
zu.
Sonntag, der 27. September 2009
“There will never be a really free and enlightened State, until the State comes to recognize the individual as a higher and independent power, from which all its own power and authority are derived, and treats him accordingly.”
Henry D. Thoreau: “Resistance to Civil Government”
Dienstag, der 22. September 2009, Äquinox
Rivolsimi
in quel lato
Là onde venia la voce,
E parvemi una luce
Che lucea quanto stella:
La mia mente era quella.
Bonagiunta
Orbicciani da Lucca
Ich
drehte mich zu jener Seite,
Nach dort, von wo die Stimme kam,
Und es ging auf ein Licht,
Das wie die Sterne schien:
Dies war die Seele mein.
Sonntag, der 13. September 2009
„Vil reden ist kein kunst/ ders wol kündte. Vil geschrei wenig woll/ Vil wort wenig hertz. Die vögel so viel vnnd wol singen/ sein selten feißt/ vnd die thier so viel geschrei haben/ haben wenig woll. Es geht vil im gesang vnnd geschrei hin. Das ist auch fürnemlich gesagt/ denen die jederman wöllen leren/ ohn sich selbs.“
Sebastian Franck: „Sprichworter/ Schöne/ Weise Klugreden“, fol. 231v.
Dienstag,
der 1. September 2009
Maria Magdalena
Mit
spinnendünnem Haar umwebt sie ihn,
zuerst den Fuß, auf dem er steht und geht,
dann salbt sie weich sein Haupt mit reichem Öl,
und der Geruch riecht fort bis in die Wüste,
ist Botschaft, und ein Vers von ferne her,
dann senkt sie ihren Blick in seine Augen,
sie sucht und spürt, was er zu sein vermag;
ihr Haar umweht das seine wie ein Netz.
In ihrem Schaun besitzt er sie wie Erde,
wie Zeit, die durchs Vergehen rinnt, ist Meer,
ein Wasser, das die Mühlen treibt und hindert,
ein Schiff zum Kentern in der See der Wörter.
Sie nährt ihn heiß mit Haut, mit Singen, Tanz
und Perlenweiß, und ahnt und weiß, daß
sie
zum Holz entwird, zu dem, an dem er hängt.
Sonntag, der 23. August 2009
“Aristocracy by its very nature degenerates into oligarchy; and when the commons inflamed by anger take vengeance on this government for its unjust rule, democracy comes into being; and in due course the licence and lawlessness of this form of government produces mob-rule (ὀχλοκρατία, Ochlokratie, von ὄχλος, Pöbel, Masse) to complete the series.”
Polybius VI,4,10. Translation by W.R. Paton.
Montag, der 17. August 2009
„Die reine und einfache Behauptung ohne Begründung und jeden Beweis ist ein sichres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter eine Behauptung, je freier sie von Beweisen und Belegen ist, desto mehr Ehrfurcht erweckt sie.“
Gustave le Bon: „Psychologie der Massen“, § 2.
Donnerstag,
der 13. August 2009
Der lange Weg
Ein
langer, krummer Weg führt zum Desaster,
die Sterne laufen übers Feld dorthin,
die Gräser winken, und der Nebel sinkt:
ein weiches Bett, darin die Brote liegen.
Das Bild verschwimmt, und kleine Boote tragen
auf ihren Planken lange Schweife fort,
sie ziehn durchs Meer und suchen sich die Arme,
darin zu liegen bis zum Traumbeginn.
Du sanfte Haut, die alle Trauer trägt
und wartet, bis der Sonnenstern sich grämt;
denn Räder rollen auf dem Sand dahin
den langen, kummen Weg bis zum Desaster.
Montag, der 10. August 2009
„Du meinst, wenn du mit großem Eifer die schönsten Bücher zusammenkaufest, so werde man denken, du seiest ein Gelehrter: aber so denkt kein Mensch; im Gegenteil, deine Unwissenheit wird dadurch erst recht ins Licht gesetzt. Fürs erste kaufst du nicht einmal die besten, sondern trauest dem ersten, der dir ein Buch anpreist; dafür opfern auch die Büchermakler, die das Glück haben, mit dir bekannt zu werden, dem Merkur, nicht anders, als ob sie einen Schatz gefunden hätten: denn eine bessere Gelegenheit, ihren schlechtesten Plunder in gutes Geld umzusetzen, könnten sie sich nicht wünschen. Wie solltest du auch unterscheiden können, was alte und kostbare oder was schlechte und nichtswerte Bücher sind? Bei einer solchen Untersuchung hast du nur ein Mittel, womit du dir hilfst; du ziehest die Motten zu Rate, und das angefressenste und durchlöchertste ist, deiner Meinung nach, das rarste. Denn woher sollte dir die Weisheit kommen, ein gültiges und sicheres Urteil über ihren Wert fällen zu können?“
Lukian: Πρὸς τὸν ἀπαίδευτον καὶ πολλὰ βιβλία ὠνούμενον. Der ungelehrte Büchernarr. Deutsch von Christoph Martin Wieland.
Freitag, der 7. August 2009
„Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen die sich akkommodiren, aus Schwachen die sich assimiliren, und der Masse die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen was sie will.“
Goethe.
Donnerstag, der 30. Juli 2009
“...the surest defense against Evil is extreme individualism, originality of thinking, whimsicality, even – if you will – eccentricity. That is, something that can’t be feigned, faked, imitated, something even a seasoned impostor couldn’t be happy with”
Joseph Brodsky: “A Commencement Address”.
Mittwoch, der 29. Juli 2009
Die Zeit in unserem Raum-Zeit-Kontinuum hat die unangenehme Eigenschaft eindimensional und gerichtet zu sein. Die Falten auf der Stirn meiner Geliebten werden tiefer – mit jedem Winter, wie es Shakespeare so treffend bemerkt, denn gleich, wie die Zeit voranschreitet, ist sie uns nicht gleich, einige der Monate eines jeden Jahres wiegen schwerer als andere auf unseren Schultern.
Auch ist der Raum, in dem wir uns mittels der Zeit bewegen, auf seine paar Dimensionen beschränkt. Mehr als sie wahrzunehmen bleibt uns verschlossen.
Schwierig ist es uns bereits, beides, Raum und Zeit, zusammen zu sehen, denn ohne Zeit ist kein Raum, ohne Raum keine Zeit, das Bemerken bzw. Durchqueren des Raumes kann nur in Zeit vor sich gehen, so daß sich, schreiten wir durchs Zimmer, kleinste Raumzeit an kleinste Raumzeit reiht. Das Faszinierende daran immer von neuem: daß sich so wenig verändert, daß ein Kontinuum zu existieren scheint, das die Raumzeiten verbindet, selbst jene zwischen Schlafengehen und Aufwachen.
Und doch bedrückt uns in manchen Stunden der Alb, unsere Schalen verbürgen etwas, das außerhalb unser bestünde, als gäbe es ein Mehr, das draußen lauerte in seiner festen Gewißheit, mehr und umfassender zu sein als wir, ein vieldimensionales Kontinuum, welches das unsere geringschätzte, dessen uns unvorstellbare Einwohner auf uns herabsähen, während sie unbemerkt durch uns kröchen.
Dieser lovecraftsche Nachtmahr ist schwer loszuwerden; der einzige, schwache Beweis für eine ihm innewohnende Wahrheit ist unser Gefühl, das eine Erinnerung an einen Abstieg sein mag oder eine Weitsichtigkeit, die uns über unser beschränktes Sein hinausblicken läßt.
Sonntag, der 26. Juli 2009
Regen
kam heut über Blume und Gras,
hoch wuchs das Gras, und die Blume ertrank.
Trauer kam über das Gras, als es sah:
Schönheit vergeht, jedes Schöne verwest.
Einfaches bleibt sich fast gleich: wie es grünt,
grünte es stets, stets im Rasen als Gras.
Sonntag, der 19. Juli 2009
Wenn sonst nichts in der Landschaft herumläuft, sieht eine Maus wie ein Elephant aus.
Sonntag,
der 28. Juni 2009
Mond
Noch eh April begann
sah ich den Mond allein
auf einer Straße ruhn.
Er neigte sich mir zu
und sprach mit sanftem Ton:
„Der Sterne Wege sind
zu fern, sind traumesfern.“
Ich wachte auf und sah
den Mond an meinem Haus;
er schien durchs Fenster licht
und rund, kein Wort war ihm
entschlüpft, er schwieg und schwieg.
Urheberrecht © Rainer Friedrich Meyer 2009-2010 · www.meyerbuch.com
Themen
→ Blau &
Weiß
→ Der
lange Weg I
→ Der
lange Weg II
→ Herbst
→ Lilith
→ Maria
Magdalena
→ Mond
→ Raum-Zeit
→ Regen
→ Sammeln
Impressum · Verfasser · Authors · Künstler · Artists · Buchbinder · Bookbinders
Angeführte Bibliographien · Angeführte Personalbibliographien · Buchwörterbuch
Suchen · Search · quaerere · Sachgebiete · Catalogues · Schlagwörter · Keywords
oben · top · supra · Diese Seite drucken · Print this page · imprime hanc paginam