| |
Antiquariat Rainer Friedrich Meyer |
| Start · Impressum · AGB · Suche · Sachgebiete · Schlagwörter · Texte · Aktuelles | |
|
portio mea,
δαίμων, sit in
orbem viventium
Freitag, der 26. Juni 2009 Manchmal fragt mich am Telephon jemand, was es Neues gebe. Nichts. Dresden verliert den Weltkulturerbe-Status, die SPD selbstverschuldet den einer Volkspartei, und die Antiquare werden wohl des reduzierten Mehrwertsteuersatzes verlustig gehen. Alles nur normaler Wahnsinn. Mittwoch, der 17. Juni 2009 In den letzten Tagen habe ich wieder einiges an meiner Seite verbessert: Twitter ist nicht mehr auf der Startseite, sondern unter den Texten zu finden, wo es eigentlich auch hingehört. Ich muß, glaube ich, nicht mehr für Twitter werben. Dafür befindet sich nun dort ein werbender Text, der die Vorzüge direkter Bestellung schildert. Und dann wurde es Zeit, das Javascript für die Herunterrollmenüs auf den neuesten Stand zu bringen. Jetzt gleiten sie wirklich gemächlich herab und sollen sogar für den IE 8 gerüstet sein. Freitag, der 12. Juni 2009 Eitle Leute sind gesprächig wie löchrige Sandsäcke; heraus kommt stets dasselbe: Sand. Donnerstag, der 11. Juni 2009 „Du herrschende Stadt, ich fürchte mich! Du versperrst mir die Welt, du verdeckst mir Gott. Denn ist da ein Gott und sein göttlicher Wille – dann trotzt du Ihm und verhöhnst du Ihn, und so mußt du vom Erdboden schwinden mit all der gußeisernen Macht deiner Bahnhöfe, mit all der Pracht deiner Straßen und dem verzückten Gebrodel des Lebens! Du aber prangst noch, versperrst die Welt und drohst dem Himmel mit den scharfen Spitzen deiner Türme ...” Viktor Hofmann: „In der großen Stadt.” Donnerstag, der 4. Juni 2009 “...yes,
silence is the presence Joseph Brodsky: “Gorbunov and Gorchakov. Canto X.” Freitag, der 29. Mai 2009 Der
Strom, Freitag, der 22. Mai 2009 Bernd Rabehl schreibt heute in → seinem Blog über die Geschehnisse im Berlin des 2. Juni 1967, als im Verlauf der Demonstration gegen den persischen Schah ein evangelischer Student, Benno Ohnesorg, von einem Polizisten namens Karl-Heinz Kurras niedergeschossen wurde. Ich war jung, ging noch aufs Gymnasium, stand nahe der Oper auf der nördlichen Seite der Bismarckstraße. Es muß das erste Mal in meinem Leben gewesen sein, daß ich soviele demonstrierende Menschen sah. Der Tod, den Nachrichten entnommen, später den Gesichtern anderer auf weiteren Versammlungen und Demonstrationen, zeigte mir die Endlichkeit und Ernsthaftigkeit des Lebens, etwas, das behütete junge Leute sonst kaum wahrnehmen, erst die Alten. Zuvor waren Verwandte gestorben, aber ruhig, sie lagen einfach in ihrem Bett, sie waren alt, krank, ihr Tod kaum nicht unerwartet, sondern war wie ein Abschluß. Ohnesorgs Tod war auf diese Weise nicht vermittelbar, er war eine ins Leben, in mein Leben hereinbrechende Katastrophe, unnütz, unzeitig, aufrüttelnd, politisierend, Engagement fordernd. Nicht daß ich damals alles verstehen konnte, was in Berlin und Westdeutschland geschah. Aber ich begann, mich zu bemühen, ich war ein wenig wacher geworden. Noch immer reagiere ich allergisch auf Obskuranten jeder Couleur. Wir haben dieses eine Leben, etwas Positives damit zu beginnen, nicht mehr und nicht weniger: es ist viel und viel zu wenig zugleich; je mehr ich verstehe, desto intensiver verstehe ich, daß mein Verstehen nie ausreichen wird. Dienstag, der 19. Mai 2009 Zur Preisverleihung, die keine wurde. Oder: Der Fall Navid Kermani. Götter, die nicht von Zeit zu Zeit in ἄσβεστος γέλος, unauslöschliches Gelächter, ausbrechen, neigen leicht zu Anfällen von Paranoia, die sich auf ihre Anhänger übertragen. PS. Die Folge religiöser Rechthaberei sieht der Antiquar z.B. an den → Bücherverlusten in der Spätantike, ein langer, aber lesenswerter Beitrag in der Wikipedia. Wir wollen hoffen, daß es nie wieder dazu kommen wird, daß nur eine kleine Elite von Wohlhabenden und Gebildeten das literarische Erbe in geringer Auswahl bewahrt. Samstag, der 16. Mai 2009 Einiges an der Eingangseite verändert: auf dem Baum statt Twitter nun die englische Suche; die lateinische findet sich versteckt hinter der Knolle im Stamm – etwas Überraschung muß sein. Und die Begrüßungen habe ich ebenfalls abgeändert: auf der Startseite nur noch eine Zeile, die in der Länge besser zum Bild paßt sowie in der blauen bzw. roten Farbe zur Titelei oben; auf den drei Suchseiten entsprechend, doch hellgrau; nur der lateinische Datumstext ist zu lang: er benötigt weiterhin eine eigene Zeile. Samstag, der 9. Mai 2009 Aus den Orphischen Hymnen: Dem Hermes, mit
Weihrauch.
Hermes,
Du Bote des Zeus, der Maia Donnerstag, der 7. Mai 2009 Persephone Noch
schaut sie auf den Mund des Todes Freitag, der 1. Mai 2009 Neusprech vier: „Neue Grippe“ Die Weltgesundheitsorganisation möchte nicht mehr von „Schweinegrippe“ sprechen (lassen), denn zum einen fühlen sich die zwei- und vierbeinigen Schweine beleidigt, zum anderen diejenigen, die keine Schweine essen, weil sie diese netten, ziemlich menschenähnlichen Viecher für „unrein“ halten und sie nun, bei dieser passenden Gelegenheit zu Hunderttausenden erschlagen möchten. In den ARD-Nachrichten las ich gestern bereits „Neue Grippe“: eine sinnvolle Benennung, der demnächst die „Ganz Neue Grippe“, die „Völlig Neue Grippe“, die „Heftig Neue Grippe“ folgen werden. Selbstverständlich kann die Grippe auch nicht „Mexikanische“ oder „Amerikanische“ heißen, wie damals die „Spanische Grippe“ eben „Spanische“ hieß, man ahnt es: weil sich Mexiko, Amerika, Spanien und wer weiß noch beleidigt fühlen könnten – ich meine natürlich: werden. Ja, „H1N1 A“ ist eine treffende Bezeichnung, da weiß jeder, was gemeint ist, jeder, der seinen Barcodestreifen bereits auf der Stirn trägt wie das Kainsmal der neuesten Neuzeit. Also, Abwehrkräfte her, ein fröhliches Niesen (wegen der Pollen), fort mit dem Sprachmüll, und die Aufmerksamkeit wieder auf die echte Krise gelenkt: die der Pfuinanzen, der Toxillionen.
Walpurgis „Es
ist bekannt, daß allgemein in Deutschland ein
jährlicher hauptauszug der hexen auf die erste mainacht
(Walpurgis) angesetzt wird, d. h. in die zeit eines opferfestes und der
alten maiversammlung des volks.“ Jacob Grimm: „Deutsche Mythologie“ Mittwoch, der 29. April 2009 Unbewußte Tradierung und Säkularisierung von Floskeln. Buddhistische
Lehrreden enden häufig mit den folgenden oder ihnen
ähnlichen Worten: Mahâsatipatthânasuttam (34), Dîghanakâya 22 Und
solches
lese ich in einem Seminarbericht: Offensichtlich sind Unterwerfungsgesten, selbst die sprachlichen, im Menschsein verankert. Wenigstens bleiben uns hier in Europa bis auf unrühmliche, zugereiste Ausnahmen die Niederwerfungen samt Hochrecken der Gesichtsantipoden erspart. Doch ganz ohne Hackordnung scheint auch unsere Gesellschaft nicht auszukommen. Sonntag, der 26. April 2009 Fritz Leiber führt als Motto eines Kapitels in „The Big Time“ die folgende Stelle, jedoch um den ersten Teil verkürzt, aus → „Aucassin & Nicolette“ an, die ich hier im altfranzösischen Original mit einer flüchtig dahingeschriebenen Übersetzung ihrer immanenten Schönheit halber etwas vollständiger anführen möchte: « En paradis qu’ai je a faire? Je n’i quier entrer, mais que j’aie Nicolete, ma tres douce amie que j’aim tant. C’en paradis ne vont fors tex gens con je vous dirai. Il i vont ci viel prestre et cil viel clop et cil manke, qui tote jor et tote nuit cropent devant ces autex et en ces viés creutes, et cil a ces viés capes eréses et a ces viés tateceles vestues, qui sont nu et decauç et estrumelé, qui moeurent de faim et de soi et de froit et de mesaises. Icil vont en paradis ; avec ciax n’ai jou que faire ; mais en infer voil jou aller. Car en inter vont li bel clerc, et li bel cevalier, qui sont mort as tornois et as rices gueres, et li boin sergant, et li franc home. Aveuc ciax voil jou aler. Et s’i vont les beles dames cortoises, que eles ont .ii. amis ou .iii. avec leur barons. Et s’i va li ors et li argens, et li vairs et li gris ; et si i vont harpeor et jogleor et li roi del siecle. Avoc ciax voil aler, mais que j’aie Nicolette, ma tres douce amie, aveuc mi. » [Was soll ich im Paradies? Ich will nicht dorthin, sondern meine Nicolette haben, meine mir sehr liebe Freundin, die ich so liebe. Denn niemand geht ins Paradies außer jenen, von denen ich Ihnen erzählen werde. Dorthin gehen jene alten Priester, und jene alten Krüppel, und jene versehrten Unglücklichen, die den ganzen Tag und die ganze Nacht vor jenen Altären sowie in jenen alten Krypten kriechen, und jene Leute in abgenutzten alten Mänteln, und jene in alten Lumpen und Fetzen, die barfuß, nackt und voller Sorgen sind, die an Hunger, Durst, Kälte und Elend sterben. Jene gehen ins Paradies; mit ihnen habe ich nichts zu tun, sondern ich will zur Hölle gehen. Denn zur Hölle gehen die feinen Geistlichen, und die feinen Ritter, die in Turnieren und in großen Schlachten gefallen sind, und die braven Soldaten und die edlen Herren. Mit jenen will ich gehen. Und gleichfalls gehen dorthin die schönen und anmutigen Damen, die zwei oder drei Freunde neben ihren Herren haben, und dorthin gehen Gold und Silber und Pelze, und dorthin gehen die Harfner, die Minnesänger und die Könige dieser Welt. Mit jenen will ich gehen, damit ich Nicolette, meine über alles geliebte Freundin, bei mir habe.] Nicht mit jeder Geliebten mag einer in die Hölle gehen, selbstverständlich. « Que tu viennes du ciel ou de l’enfer, qu’importe, (…) De Satan ou de Dieu, qu’importe? » (Baudelaire: « Hymne à la beauté ») Abgründe sind für die Tiefsinnigen, die Tief-Sinnigen da, nicht für die geistigen Lumpen und jene in geistige Lumpen Gekleideten. Donnerstag, der 23. April 2009 Die Suchergebnisse werden nun der besseren Übersichtlichkeit wegen mit Absatzeinrückungen dargestellt. Eigentlich ein Rückgriff auf meine ersten gedruckten Kataloge. Ich hoffe, es sagt Ihnen zu. Mittwoch, der 22. April 2009 Die Zeit schreibt: „Nach der europäischen digitalen Weltbibliothek → Europeana startet jetzt die internationale → World Digital Library (WDL), das bislang größte und ambitionierteste Projekt, Kultur zu konservieren.“ Kultur wird digital sicherlich nicht konserviert, obgleich man durchaus, angemessen mißgünstig gestimmt, Computer mit Konservendosen vergleichen könnte. Niedergeschriebenes, Gemaltes, Gebautes, In-Stein-Gemeißeltes, Gesellschaftsform u.s.w. bilden in ihrer Gesamtheit, dann mehr als die Summe der Teile, die ‚Kultur’ eines Landes oder eines Erdteiles. Zur Lebendigkeit dieser Kultur gehört die stete Kommunikation der Teilhabenden mit einander und diesen Artefakten, der kulturellen Überlieferung eben, der im besten Falle stets Neues, ebenfalls Überliefernswertes, hinzugefügt wird. „Die WDL will Millionen digitalisierter Bilder, Fotos, Gemälde, Karten, Manuskripte und Musik als Originalkopie ins Netz stellen.“ Da haben wir es: ‚Originalkopien’. Was nur geht in einem Gehirn vor, das solchen Stuß von sich gibt. Aber vielleicht sind die Wörter doch richtig gewählt, denn wenn alles gleichwertig nebeneinander steht und die jeweiligen innerkulturellen Bezüge, auf denen ein jedes Werk beruht, nur dem modernen Super-Humboldt auf seinem extraterrestischen Übersichtsposten sichtbar würden, dann erledigt sich die einzelne Kultur und löst auf sich in der Beliebigkeit eines digitalen Angebotes, dann ist es auch gleich geworden, ob man die Originale vor sich hat, Faksimiles, Kopien – oder ‚Originalkopien’. Dann
gibt es eigentlich keine Kultur mehr,
sondern nur noch die Menge
aller Artefakte, die Menschen geschaffen haben, sinnlos nebeneinander
wie die Koffer, Uhren, Schmuckstücke, künstlichen
Gliedmaßen und Taschen in der Rumpelkammes
eines Fundbüros. Donnerstag, der 16. April 2009 und später Der Anfang eines Buches sagt mir viel, es ist wie die Eingangssequenz eines Filmes: sogleich wird deutlich, wie Kameramann und Regisseur fühlen und ihre Intentionen umsetzen. Darum
hier ein gelungener Start: Robert Graves: “Watch the North Wind Rise” Nicht
nur wegen des Sanskrit-Vergleichs
gefällt mir diese Stelle, sondern wegen der Erzeugung einer
sprachlichen wie inhaltlichen Unsicherheit, die von der
‚Autorität’ auf den Leser
übergeht und sich im Roman fortsetzt, bis zu seinem Ende
steigert. “’Issiot! Fffool! Lushshsh!’ hissed the cat and bit Spar somewhere. The fourfold sting balanced the gut-wretchedness of his looming hangover, so that Spar’s mind floated as free as his body in the blackness of Windrush, in which shone only a couple of running lights dim as churning dream-glow and infinitely distant as the Bridge or the Stern.” Fritz Leiber: “Ship of Shadows” An Fremdartigkeit kaum zu überbieten mäandert sich die Kurzgeschichte durch die Gänge und Gemächer eines Raumschiffes, bis der Protagonist wieder sehen und beißen (sic!) lernt und durch Erkennen seiner Vergangenheit wissend wird. Auf den letzten Seiten kommt sie dem Leser beinah normal daher. Spar
stellt in dieser Kurzgeschichte den selbst
der
Erlösung bedürftigen, vom Lichtgott ausgesandten
gnostischen
Erlöser dar, Almodie seine Helena-Pronoia. Das Raumschiff
selbst
steht für den auf Abwege geratenen Kosmos, der das Reich des
Bösen, die alte, sich durch Kriege verwüstetende
Erde, nur
wahrnimmt, wird er dazu aufgerufen. Montag, der 13. April 2009 A Sense of Wonder Antiquare sind eigenbrötlerisch, eckig und kantig – im besten Fall. Nichts von unserer modernen meanstreamigen (sic!), alles wattiggleich, sozial-therapeutisch verpackenden Gesellschaft, deren Hauptleistung, nachfolgende Historiker werden uns so sehen, darin besteht, Probleme und Differenzen nicht anzugehen, sondern zuzukleistern. Weil heute heute ist und jeder Tag ein besonderer, möchte ich einen Schritt weitergehen: Antiquare sind – im besten Fall – amoralisch: das Buch und seine Bewahrung gelten ihnen mehr als vieles anderes (kleingeschrieben!). Sie haben ihren Ort als Horter und Verteiler im erdgeschichtlich garnicht so langem Kreislauf von Zusammentragen und Auflösen. Sie sind bewußt Zwischenstation; wenn Sammler eher an die Unsterblichkeit apellieren, sehen sie sich temporär, vergänglich als Menschen, die ihre Bücher liebevoll in die Hand nehmen, vorsichtig öffnen – und dabei Genuß empfinden, des Einbandmaterials, vielleicht der Vergoldung wegen, weil Type und Satzspiegel wohlproportioniert sind und auf angenehm zu blätterndes, nicht querlaufendes Papier gedruckt, richtig gedruckt wurde mittels Bleitypen, und schließlich des Inhaltes wegen. Und sie wissen, daß genau dies dieser eine Moment im Strudel ist, der nach dem Genießen verlangt, nach nichts anderem: denn wer wird morgen dies Buch besitzen? wird es noch lange überstehen? was werden die Zeiten anrichten, was wir noch nicht geschafft haben? Manchen
Abend, wenn die Geschäfte getan
sind, die Lektüre so mitreißend ist,
daß sie unterbrochen sein möchte, wenn das
Fernsehprogramm
wie
häufig nicht
lohnt und mir nicht nach einer DVD ist,
lege ich einige
besonders geschätzte Bücher um mich und vertiefe mich
in sie. Dann bin ich Glied einer Kette, denn sie haben Vorbesitzer, die
ihre Namen oder ihre Widmungen oder ihre Anmerkungen hinterlassen
haben, das relativiert mich, doch zugleich vertieft es mein Erleben.
Geschichten fallen mir ein über die Personen, die sich
diesem oder jenem Buch bewußt verbanden – und dies
Buch, selbst wenn es zugeschlagen nur unscheinbar ausschaut, ist mehr
als es selbst. “Didn’t I come to bring you a sense of wonder Didn’t I come to lift your fiery vision bright Didn’t I come to bring you a sense of wonder in the flame.” Van
Morrison: “A Sense of
Wonder” Sonntag, der 12. April 2009 Ostern: „Dieses Ostarâ muß gleich dem ags. Eástre ein höheres wesen des heidenthums bezeichnet haben, dessen dienst so feste wurzel geschlagen hatte, daß die bekehrer den namen duldeten und auf eins der höchsten christlichen jahrsfeste anwandten. alle uns benachbarten völker haben die benennung pascha beibehalten, selbst Ulfilas setzt paska, kein austrô, obwol ihm der ausdruck bekannt sein muste, gerade wie die nord. sprache pâskir (schwed. påsk, dän. paaske) einführt. das ahd. adv. ôstar bedeutet die richtung gegen morgen (→ gramm. 3, 205), ebenso das altn. austr, vermutlich ags. eástor, got. austr? die lat. Sprache hat das ganz identische auster auf die mittagsseite (den süd) verschoben. In der edda führt ein männliches wesen, ein lichtgeist den namen Austri, ebenso könnte ein weibliches Austra heissen; der hochd. und sächs. stamm scheint umgekehrt nur eine Ostara, Eástre, keinen Ostaro, Eástre gebildet zu haben. hierin liegt vielleicht der grund, weshalb die Nordländer pâskir und nicht austrur sagen: sie hatten keine göttin Austra verehrt, oder ihr cultus war früher untergegangen. Ostara, Eástre mag also gottheit des strahlenden morgens, des aufsteigenden lichts gewesen sein, eine freudige, heilbringende erscheinung, deren begriff für das auferstehungsfest des christlichen gottes verwandt werden konnte. freudenfeuer wurden zu ostern angezündet, und, nach dem lange fortdauernden volksglauben, thut die sonne in des ersten ostertages frühe, so wie sie aufgeht, drei freudensprünge, sie hält einen freudentanz.“ Aus: → Jacob Grimm, „Deutsche Mythologie“. Dienstag, der 7. April 2009 Krisenstand: Laut heutiger Schätzung des IWF, der sich sich gestern und vorgestern wohl um weniges verschätzte, werden nun weltweit vier Toxillionen Nix-Mehr-Wertpapiere gehortet; nur für die Unwissenden: auf eine Toxillion kommen ungefähr eintausend Toxilliarden, manchmal sind es auch mehr. Kleinere Einheiten werden für obsolet angesehen. Die Astronomen richten ihre Fernrohre gen FED am westlichen Anlagehimmel und werden irre an den Entfernungsberechnungen – wie simpel ist doch ein Lichtjahr im Vergleich zu all den Jahren, die es kosten (sic!) wird, den Berg aus Nix-Mehr-Wertpapieren abzutragen. Doch es wird wieder Winter, irgendwann, und dann wird uns der Winter unseres Mißvergnügens warm werden durch eben diese Papiere, die grad zur kalten Jahreszeit ihren wahren, wirklichen, wunderwirksamen Wert erweisen werden: Menschenschlangen werden sich durch Frankfurt am Main schlängeln, bis zu den Pforten der Banken, wo sie die wertlos gewordenen Papiere in kleinen Stapeln dankbar entgegennehmen werden, gesegnet durch den Bänker mittels seiner gespreizten zwei Finger, um sie im heimischen Ofen ihrem wahren, brennwertigen Zweck zuzuführen. Was wären wir dann ohne die circa, vielleicht etwas mehr als, möglicherweise viel mehr als vier Toxillionen Nix-Mehr-Wertpapiere? Nachtrag: Das ist alles nur virtuell, Spielgeld sozusagen, von Computern kilobitweise hin- und hergeschoben, nur die Krise ist real, eventuell auch die Menschen, Politiker wie Bänker, die sie verursacht haben. Nichts wird uns wärmen. Da sind Bücher wesentlich verläßlicher. Warum fällt mir an dieser Stelle das Märchen aus Georg Büchners „Woyzeck“ ein?
Montag, der 6. April 2009 In der FAZ lese ich heute: „Noch im Jahr der Ausstellung bei Springer (i.e. 1961, RFM) – Miller war ja damals schon siebzig Jahre alt – erfolgte in den Vereinigten Staaten eine Reihe von Gerichtsverhandlungen auf Grund des schockierenden Inhalts (nicht meine Wortwahl, RFM). Ein Buchhändler wurde zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt, weil er verbotene Werke von Miller ausgestellt hatte. Erst 1964 wurde von einem Gericht entschieden, dass die Werke Henry Millers der ‚modernen Literatur’ zuzuordnen seien.“ Ein feierlicher Fluch sei hiermit über alle Zensoren der Kunst ausgesprochen! Henry Miller: „To paint is to love again“ – Könnte verallgemeinert werden: Kunst erschaffen ist nochmals lieben.
Mittwoch, der 1. April 2009 „Whan
that
Aprille with his shoures soote Dienstag, der 31. März 2009 « Ne pas penser comme les autres vous met dans une situation bien désagréable. Ne pas penser comme les autres, cela veut dire simplement que l’on pense. Les autres, qui croient penser, adoptent, en fait, sans réfléchir, les slogans qui circulent, ou bien, ils sont la proie de passions dévorantes qu’ils se refusent d’analyser. Pourquoi refusent-ils, ces autres, de démonter les systèmes de clichés, les cristallisations de clichés qui constituent leur philosophie toute faite, comme des vêtements de confection? En premier lieu, évidemment parce que les idées reçues servent leurs intérêts ou leurs impulsions, parce que cela donne bonne conscience et justifie leurs agissements. (...) Il y a aussi le cas de ceux, nombreux, qui n’ont pas le courage de ne pas avoir ‹ des idées comme tout le monde, ou des réactions communes ›. Cela est d’autant plus ennuyeux que c’est, presque toujours, le solitaire qui a raison. » Eugène Ionesco: « Oser ne pas penser comme les autres »
Montag, der 30. März 2009 Schlangenhäutung Es frühlingt, die ersten frischgrünen Triebe entwachsen den Zweigen, steigende Temperaturen erwecken unsere Sinne. Es ist die rechte Zeit, über das allgemeine wie das eigene Werden nachzusinnen: Der Wald ist Bild des Unbewußten, das – geleitet von einem Führer wie Hermes, dem Daimon, dem Yidam oder der Anima – betreten wird, den Menschen zu erneuern, seine Kreativität (wieder)herzustellen. Ohne Führer könnte das Unbewußte die Obermacht gewinnen, Wahn wie Verwirrung wären Folge, mit ihm Verjüngung und Bereicherung, Heil- und Ganzwerden. Und da dies hier eine
literarische Seite ist,
möchte ich Geschriebenes, wie es uns überliefert ist,
anfügen: Dante: „Inferno” „Et cusi dirrim pecto duna folta silua ridrizai el mio ignorato uiagio. Nellaquale alquanto intrato non mi aui di che io cusi incauto lassasse (non so per qual modo) el proprio calle. Di que a1 suspeso core di subito inuase uno repente timore, per le pallide membre diffundentise, Cum solicitato battimento, le gene del suo colore exangue diuenute. Conciosa cosa che ad gliochii mei quiui non si concedeua uestigio alcuno di uidere, ne diuerticulo. Ma nella dumosa silua appariano si non densi uirgulti, pongente uepretto, el Siluano Fraxino ingrato alle uipere, Vlmi ruuidi, alle foecunde uite grati, corticosi Subderi apto additamento muliebre, duri Cerri, Forti roburi, & glandulose Querce & Ilice, & di rami abondante, che al roscido solo non permetteuano, gli radii del gratioso Sole integramente peruenire. Ma come da camurato culmo di densante fronde coperto, non penetraua lalma luce. Et in questo modo me ritrouai nella fresca umbra, humido aire, & fusco Nemorale.” [So lenkte ich meinen ahnungslosen Schritt einem gegenüberliegenden Walde zu. Kaum hatte ich ihn betreten, wurde mir gewahr, daß ich nachlässigerweise – ich weiß nicht wie – meinen Weg verloren hatte. Plötzliche Furcht befiel mein zögerndes Herz, die durch dessen schnelles Schlagen in meine bleichen Glieder ausgestreut wurde und meinen blutleeren Wangen jede Farbe entzog. Ich gewahrte, daß weder Spur noch Seitenpfad im dornigen Dickicht sichtbar waren – nichts als dichtes Gesträuch, scharfe Dornenzweige, die wilde Esche, die von Grubenottern gemieden wird, derbe Ulmen, die fruchtbaren Rebstöcken eignen, dickrindige Korkeichen, weiblichen Anbetens angemessen, harte Zerreichen, kräftige Stieleichen, eicheltragende Eichen und Ilex mit ihren überreichen Zweigen. Sie erlaubten der Sonne willkommenen Strahlen nicht, den feuchtkühlen Erdboden zu erreichen, sondern bedeckten ihn, einem gewöbten Dache gleich, mit ihren kaum lichtdurchlässigen Blättern, so daß das nährende Licht nicht durchzudringen vermochte. So fand ich mich in kühlem Schatten, feuchter Luft wie waldigem Dunkel.] „Hypnerotomachia Poliphili”, fol. a3r “Yea forsooth, and down to the Wood Perilous, and beyond it, and the lands beyond the Wood; and far away through them. I say not that I have been to the Dry Tree; but I have spoken to one who hath heard of him who hath seen it; though he might not come by a draught of the Well at the World’s End.” William Morris: “The Well at the World’s End” Kurz: die Queste.
Freitag,
der 27. März 2009 Mittwoch, der 25. März 2009 Neusprech drei: „Minus-Wachstum“ Ein Netz-Wörterbuch definiert: „der Vorgang, daß etwas, das eigentlich wachsen sollte, abnimmt.“ Wächst etwas nicht mehr, dann schrumpft es, vielleicht schrumpft es sich gesund. Doch niemand redet vom Gesundschrumpfen der Wirtschaft, obgleich dies manchen Aspekt der gegenwärtigen Entwicklung besser träfe: bei der Autoindustrie zum Beispiel – generell bei allem Unnützen, das produziert wird, grad ein bis zwei Jahre hält oder ein halbes modisch bleibt. Ach ja, die „Abwrackprämie“ wird noch länger unser Sprachempfinden und die öffentlichen Kassen quälen dürfen. Unwahr ist jedoch, der koreanische Botschafter sei deswegen in Berlin vorstellig geworden. Ebenfalls unwahr ist, es gebe eine Abwrackprämie für Bücher. Erstens sind Kultur und Geist in diesem Land nur bedingt förderungswürdig, Verstand und kritische Denkart nur selten gefragt, zweitens sollen Bücher gefälligst wesentlich länger als neun Jahre halten, sowohl in ihrer physischen Form als in ihrem Inhalt. Gut abgelagerte Gedanken sind wie Wein, aber sie dürfen ruhig noch viel älter sein, denn sie verderben nie. „So long as men can breathe, or eyes can see, So long lives this, and this gives life to thee.“
Samstag, der 21. März 2009 Neusprech zwei: Zum Terminus „Verbraucher“ „Verbraucher ist jede natürliche Person, die ein Rechtsgeschäft zu einem Zwecke abschließt, der weder ihrer gewerblichen noch ihrer selbständigen beruflichen Tätigkeit zugerechnet werden kann“ (BGB §13). Nur zu, liebe Herrschaften Verbraucher, verbrauchen Sie, knabbern Sie die Alten Drucke, Pressendrucke und Einbände an und auf, verbrauchen Sie, was Generationen vor Ihnen seines Wertes wegen bewahrten, weil es kultiviert und bereichert. Fühlen Sie Ihre Rechte angesichts einer in Ihren Augen unnützen Tradition, lassen sie sich nicht von den überkommenen Pflichten des Genießens, Studierens, Fortführens sowie des Weitergebens verführen, denn nach Ihnen wird nichts kommen, da alles verbraucht sein wird, einschließlich Ihrer: dieses Wort „Verbraucher“ bezeichnet unseren Umgang mit dem Um-Uns zu genau, als daß es falsch sein könnte. Nachtrag: Die einzige mir bekannte literarische Figur, die systematisch Bücher verbraucht, ist Pepe Carvalho, der den gelesenen Büchern Seiten herausreißt, um sie ins Feuer zu werfen. Auch sonst finde ich Manuel Vázquez Montalbáns Kriminalromane empfehlenswert. Wenn Ihnen noch mehr literarisch manifest gewordene Bücherverbraucher einfallen, erbitte ich eine → Nachricht. Lieber Herr M.V. aus Freiburg: Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ scheidet aus: der Staat ist kein Verbraucher im Sinne des §13 BGB, auch wenn wir viel Nerven brauchen, ihn zu ertragen. Liebe Frau H.S., danke, Edgar Wibeau darf sich erstmal hier einreihen, nur sollte er mit diesem üblen Brauch aufhören. Freitag, der 20. März 2009 Äquinox „Rivolsimi
in quel lato Bonagiunta Orbicciani da Lucca
Donnerstag, das 19. März 2009 Neusprech eins: Alles wird Die EU, bekannt geworden durch die Normierung der Bananenkrümmung, hat sich nun bei ihrer Ausschußarbeit unter vielem anderem der → „Förderung des Gebrauchs einer geschlechtsneutralen Sprache bei Sitzungen und in Ausschussdokumenten“ gewidmet. So wird die Arbeit eines jener zahllosen überzähligen Ausschüsse nun diesem hehren Ziele dienen: der AFET-Ausschuß „wird sich darum bemühen, nach Möglichkeit zu garantieren, dass 33 % der an Anhörungen teilnehmenden Redner Frauen sind. AFET hat sich ferner dazu verpflichtet, die Verwendung einer geschlechtsneutralen Sprache in Dokumenten und bei Sitzungen zu fördern.“ Ich will dies fortdenken, sozusagen in positiver Utopie, wenn dieser Ausdruck nicht ein weißer, doppeltgemoppelter Schimmel wäre – oder ist die „positive“ Utopie der EU-Topier vielleicht eine Dystopie, ein Ort, an den wir garnicht wollen, an den sie uns nur zwingen wollen? Das Deutsche, eine aussterbende Sprache, hat bekanntlich neben dem in Vergessenheit geratenen Genitiv (i.e. Wesfall) drei, man staune, wirklich und wahrhaftig drei, grammatische Geschlechter! Es gibt das männliche, das weibliche und das sächliche grammatische Geschlecht. Das widerspricht dem „Gender Mainstreaming“! (Für alle, denen wie mir solche Fremdwörter bislang fremdgeblieben sind, hier die schlaue → „Wikipedia mit ihrem Artikel.) Deshalb, deswegen und überhaupt fordere ich die Abschaffung der grammatischen Geschlechter, deren fortgesetzte Benutzung im schärfsten Widerspruch zur Gleichheit, ja Fast-Identität der Geschlechter steht! Laßt uns fortan allein das „das“ verwenden! Daß wir dann, wenn wir das Normsprach reden und schreiben, auch das einheitliche Einheitskleidung tragen und das einheitsbreiige Allgemeinnahrung zu uns nehmen müssen, das versteht sich von selbst. Brave new eu-world. Mittwoch, der 18. März 2009 Die Ordnung der Dinge Augen
im
Spiegel oder in Wörtern einfangen, Sonntag, der 15. März 2009 Lob des kleinen Buches, da es so wohltuend in einer Hand liegt, ihrer Größe entspricht. Nicht des Taschenbuches, sondern des gebundenen, so wie Aldus es angedacht hat. Nachfolger in meinen Augen sind die Kleinoktavs der Chiswick Press bei Kegan Paul, die Everymans und die Manesses in Leder. Große wie dicke Bücher bedeuten häusliche Gelehrsamkeit, kleine Kultiviertheit, da man sie immer bei sich führen mag. Ihr Papier darf nicht zu starr sein, so daß es sich gut zu den Seiten hin biegt, doch nicht so dünn oder weich, daß der Daumen es leicht an der unteren Schnittkante verbiegt; als Einband ist Leder der Haut angenehmer, bloß keine Plaste und Elaste, die sie schwitzen macht. Der Satz muß präzis und angenehm fürs Auge sein, deutlich, die Type nicht zu groß und nicht zu klein.
Freitag, der 13. (JA!) März 2009 „All books are equal, but some books are more equal than others.“ Allen entgegengerichteten Zeitläuften zum Trotz bin ich stolz darauf, einige der etwas weniger gleichen Bücher in meinem Antiquariat anbieten zu können. Wer aber E-Bücher und deren Lesegeräte hier sucht, der hat sich im weltweiten Aberwitz verlaufen.
Donnerstag, der 12. März 2009 Eine Messe ist beileibe keine Veranstaltung „kultivierter Bibliophilie“, obwohl mir sogleich einige Damen vor das innere Auge treten, die ich vor mit der Zeit doch recht vielen Jahren am Stand eines damals noch unter anderem süddeutschen, nunmehr nur mehr schweizer Antiquars bewundern durfte: schlank, edel, langbeinig – die Bücher dieser Stunde, zu allem meist Stundenbücher, fielen im Vergleich dazu fast ab, obgleich sie in Leder gekleidet waren, die Damen leider nicht. Man schließe bitte nicht auf meine Vorlieben – honi soit... Positiv gesprochen – und wir wollen uns heute dem Positiven auf dem Globus widmen, das Arge den Nachrichtensprechern aller Kanäle überlassen – ist eine Messe die zeitlich eingegrenzte Häufung diverser Antiquare auf einem relativ kleinen, meist überdachten Flecken, damit diese untereinander ihre Bücher anschauen, bisweilen miteinander tauschen, voneinander erwerben – und vor allem die neuesten Gerüchte, Geschichten, Klatsch und Tratsch über einander, bisweilen auch über Kunden austauschen können. Letzteres geschieht, obgleich man tagsüber lange Zeit beisammen ist, merkwürdigerweise erst gegen Abend, vornehmlich in einer gehobenen Gaststätte, die den Antiquaren gemeines Gemeinsamsein bei festlichem Essen, Alkoholika und wohliger Wärme ermöglicht. Es ist natürlich ein Witz, daß manche von ihnen am zweiten Messetag etwas unausgeschlafen wirken, ganz einfach, weil sie Speise und Trank, letzteren besonders, gewohnt sind. Und der eine, der diesen mißratenen zweiten Tages seine Schuhe auszog, die Beine auf den Tisch legte und sich dem Dahindämmern ergab, steht sicherlich nicht für die ganze Branche trinkgewohnter Mannen und Damen. Falls es überhaupt einen Platz für „kultivierte Bibliophilie“ geben sollte in dieser unserer, den Büchern reichlich abgeneigten, hoffentlich kurzlebigen Jetztzeit, so verbirgt er sich nahe den Regalen der langjährig Buchabhängigen, vulgo Sammler, Büchernarren, Bibliophilen, und was der wenig schmückenden Epitheta denn mehr sind. Dort, beim Vorführen, vorsichtigen Berühren, gar Aufschlagen, Bewundern mit Augen, Fingern, Nase, mit allem, was Reize empfangen und weiterleiten kann, dort beim Stelldichein gleichgesinnt Verschworener, mögen es nun Antiquare oder hauptberuflich anderweitig Beschäftigte, ergo Besserverdienende, sein, finden die Verführung der bereits Verführten, der mögliche neue Sündenfall überzeugter Sündenabhängiger statt. Eine
Messe ist keine Messe wert – eine
kleine, angemessen gefüllte Buchvitrine so ziemlich jedes
Sakrileg. Dienstag, der 10. März 2009 Treffen
der
Anonymen Bibliophilen: Die
Preisfrage: Wer ist dieser
‚Jean’? Ich muß nur den Computer ausschalten, und schon kommen die Besucher auf meine Seite und auf des Rätsels Lösung: Jean Grolier, dessen zweiten Wahlspruch ich etwas abgewandelt oben stehen habe. Viel Lesevergnügen wünsche ich dem diesmaligen Gewinner, Herrn B.B. in Ffm, er war der Schnellste, allen anderen Tagebuchlesern herzlichen Dank für ihre Teilnahmme und viel Glück beim nächsten Mal. Freitag, der 6. März 2009 Das Leben ist immer zu kurz. Blickt man zurück, so sind einzelne Erinnerungspunkte ohne Abfolge, tiefer und intensiver die einen, störend in ihrem Fehl die andern, doch nie ergibt sich Dauer. Das ozeanische Erleben mag wie Stunden vorkommen, da die Zeit sich in ihm aufgegeben hat für eine Sekunde, doch im Erinnern steht der Augenblick für den Ozean, das All, das Eine, das All-Eine. Und das Vergangene verändert sich im steten Wandel des Blickpunktes im Jetzt: im Weiterschwimmen gerät die Welle, die uns vor Zeiten, von der Sonne beschienen und magisch funkelnd, faszinierte, ins Dämmerlicht; Sterne, die sich in der Pfütze spiegelten, verschwimmen; und der Bootfahrer weiß nicht, ob er sich bewegt oder das Ufer. Denn Halt gibt der Wellengang nicht, und das Ufer wechselt und weicht intensivem Blicken aus. Die gute, alte Methode, den Schritt zu verändern, ist zeitlich begrenzt erfolgreich, dem verschlingenden Monster die Stirn zu bieten, sie verändert die Angriffsfläche, bewirkt, daß die Pfeile für eine Weile ihr Ziel verfehlen. Doch wie nicht ausweichen, sondern sich dem Ganzen nähern, es aufnehmen, das Sandbuch vollständig lesen, alle die Räume der babylonischen Bibliothek aufsuchen, alle Bücher zu studieren oder nur das eine zu finden? Eben bloß, bloßgestellt vor uns selbst, in diesem einen, erleuchteten Moment, da uns Alles umfängt, wenn wir nicht sind, und Alles seine Spuren in uns hinterläßt, um dann den Gang der Dinge zu gehen und die Verkleidung wechselnder Lichter der Tage und Sterne überzustreifen. Sind wir nicht manchmal die verkleideten Sterne, denn ist nicht jeder Mann und jede Frau ein Stern, und jeder Weg, im Gehen entstanden, einzigartig? Mittwoch, der 4. März 2009 Stadtarchiv Köln Es ist gestern nicht allein das Gedächtnis der Stadt Köln oder des Rheinlandes zusammengebrochen und verschüttet, sondern ein Gedächtnis Deutschlands, unserer gemeinsamen Geschichte, unserer Sprache, unseres Denkens und unseres Lebens vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Man geht sträflich um mit der Vergangenheit in diesem Land. Aus dem Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek wurde nicht gelernt: nämlich daß es ohne Vergangenheit keine Gegenwart und schon gar keine Zukunft geben kann, daß wir stets auf unseren Vorgängern aufbauen, meist kleiner sind als sie, nur sehr selten deren Größe erlangen – und eben darum müssen wir uns an ihnen messen und versuchen, an ihnen zu wachsen. Und nur die echten Dokumente sind Zeitzeugen, nicht ihre digitalen Klone; dies ins Buch all jener Verfechter neuzeitlichen Computerwahns und ubiquitärer Verfügbarkeit oberflächlicher Information. Milliarden und noch mehr Milliarden werden in mehr oder weniger sieche Unternehmungen gepackt, die in ihrer unersättlichen Gier alles taten, sich selbst ins Siechtum zu befördern, doch für unsere Kultur ist kein Geld vorhanden. Wie auch, wenn alles in solche scheinbar viel wichtigeren schwarzen Löcher abfließt? Es sind eindeutig die falschen Präferenzen in diesem Land. Nachtrag, überarbeitet: Ein Wort zum Sammeln. Völlig falsch ist es, anzunehmen, unsere Kultur habe einen Vorteil davon, daß alles hinter Schloß und Riegel in Bibliotheken, Archiven, Museen und dergleichen verstaut sei. Abgesehen von der Geldfrage, denn es reicht nicht einmal für die wichtigen unikalen Stücke, bliebe der (sichere!) Lagerraum und die Bearbeitung. Erst neulich hörte ich wieder von einem Dichternachlaß, der seit mehr als zehn Jahren seiner Aufarbeitung harrt. Es scheint mir typisch für Leute, die vieles in ihren Bannkreis ziehen wollen, dies dann weder bewältigen noch sicher aufbewahren zu können. Angesichts der großen Verluste in den Kriegen, der kleineren durch Fehlrestauration, sinnlose Neubindung und unzulängliche Bewahrung, erscheint mir eine möglichst breite Streuung kultureller Güter wesentlich sinnvoller: so überlebt mehr. Und: Kultur bleibt nur lebendig, wenn möglichst viele direkt und unmittelbar an ihr teilhaben, auch darum gehören die meisten wichtigen Bücher, Autographen etc vom Sammler weitergereicht, direkt oder durch den Handel, damit sie von Generation zu Generation tradiert werden, damit die wenigen überhaupt noch daran Interessierten an ihnen Vergangenheit wie Gegenwart miterfahren können und diese Erfahrung wie Kristallisationskeime ausstrahlen. Die Menschen sollten im besten Fall mit Antiquitäten, Autographen, alten Büchern etc leben, täglichen Umgang pflegen – mal ein Besuch im Archiv oder schlimmstenfalls der eines Netz-Portales nützen garnichts. Das hier Intendierte ist eine Lebenshaltung, ein Stil, der persönliche Verantwortung für das bedingt, mit dem man sich umgibt; weder Stil noch Verantwortung kann delegiert werden. Ich bin geneigt, es ein individuelles, autonomes Kulturerleben zu nennen. Ohne in eine Gesellschaft, die das beschriebene individuelle Erleben der Kunstgüter ermöglicht, eingebettet zu sein, strahlen Bibliotheken, Museen und Archive nur eine mehr oder weniger gediegene, verbeamtete Langeweile aus. Allein an ihnen wird sich unsere Kultur nicht erneuern, sondern durch sie wird unsere Kultur weiter verflachen, weil die Kluft zwischen denen, die verwalten, denen, die das Verwaltete benutzen, und dem Rest der Gesellschaft immer größer werden wird. Doch vielleicht ist dies so erwünscht. Herr Klaus Graf beliebte obige Überlegungen in → seinem Blog als „ideologische Antiquars-Jauche“ zu bezeichnen. Tja, damit hat er sich qualifiziert für tiefgründige Diskussionen — über Ausscheidungen. Aber die mögen bitte auf seinen Seiten stattfinden, hier nicht. Dies kleine Stück mäßig gelungener Prosa ist in seiner frühen Fassung auch auf → börsenblatt.net veröffentlicht worden: ich nahm an, dafür virtuell zumindest geteert und gefedert zu werden – umso mehr überraschen mich die zustimmenden Kommentare dort, als bräche sich ein lang angestauter Frust über diese öffentlichen, mit unseren Steuergeldern finanzierten, doch selbstgenügsamen Institutionen Bahn. In diesem Zusammenhang empfehle ich den → Spiegel-Bericht über die steinzeitlichen Ostseeboote und deren „fachmännische“ Lagerung. Und aus Vergnügen über die täglichen kleinen Fehlerteufelchen könnte man noch dies lesen: → British Library mislays 9,000 books, verstellt, nicht gestohlen. Montag, der 2. März 2009 Wie sage ich es meiner Datenbank? Ich muß ein wenig ausholen, um das Problem verständlich zu machen: abfragen läßt sich eine Internetzseite nur, wenn die Daten in strukturierter Form vorliegen, bei Büchern bedeutet es, daß die einzelnen Informationen wie Verfasser, Titel, Einband, Kommentar etc in Datenbankfeldern hinterlegt werden. So fragt zum Beispiel die Schnellsuche auf meiner Angebotseite die Felder Bestellnummer, Autor und Titel ab. All dies stellt bei ‚normalen’ Büchern kein Problem dar. Aber bei Sammelbänden, Reihenwerken und dergleichen. Kraß gesprochen: entweder man vergewaltigt die Datenbank oder die Buchbeschreibung. Gehören Angaben wie Ort, Verlag und Erscheinungsdatum zum Titel – oder in das dafür vorgesehene Feld, das dann die Informationen eventuell mehrer Erscheinungsorte, Verlage und Jahreszahlen beinhalten muß: wie sie auseinanderhalten? Bisher fanden sich diese Informationen direkt beim jeweiligen Titel; nun aber habe ich der Deutlichkeit und besseren Übersichtlichkeit halber die Titel kursiv gestaltet, ergo wären diese Angaben auch kursiv angezeigt worden, dies erschien mir verwirrend. Also habe ich die zu jeden Werk eines Sammelbandes gehörigen Zusatzinformationen in die anderen Datenbankfelder überführt und davor geschrieben, zu welchem der Teile sie jeweils gehören. Ist dies besser, ist dies nachvollziehbar? Ich bitte um Ihre Meinung → info@meyerbuch.com . Nachtrag: Danke für die Hinweise und Ratschäge, ich freue mich über Ihre Teilnahme an meiner Seite. Der Wissensbaum ist nun etwas kleiner und paßt dadurch auch auf die etwas älteren Bildschirme. Donnerstag, der 26. Februar 2009 Lesestoff Leider muß ich feststellen, daß ich kaum Favoriten unter den deutschen Romanen des zwanzigsten Jahrhunderts habe. In einer Netz-Zeitschrift stellt heute ein Redakteur seine zehn Lieblingsbücher vor. Es scheint, als läse ich jedes Jahr zu Weihnachten → Pullmans HDM, → Fritz Leiber ist einer meiner unangefochtenen Lieblingsautoren seiner Themen und seines Stiles wegen, aber leider nur deutscher Abstammung. Immerhin habe ich vor ein paar Tagen einige kürzere Prosatexte → Thomas Manns mit Genuß gelesen, das sollte fürs erste genügen. Fast hätte ich ihn hier zu erwähnen vergessen: → Hofmannsthal natürlich, wer sonst hätte in erlesener Prosa so Kluges über Menschen und Sprache geschrieben. Im Neunzehnten sieht es anders aus, zwar nicht mit Romanen, aber mit der Literatur überhaupt: ohne Büchner und Kleist möchte ich nicht leben, → Kleist seines Stiles wegen, der sich begnügt, Anspielungen zu machen, wo heutzutage derbe Schilderungen alltäglich, aber die Konflikte oberflächlicher geworden sind, → Büchner weil er bisweilen so nah am Abgrund schreibt, wie man es nur mit Wörtern und Metaphern vermag. Nachtrag: Unseren → Philosophen habe ich übergangen, wohl weil ich es für selbstverständlich annahm, ihn unter die lesenswerten Autoren zu zählen, wären wir ohne ihn, was wir sind? Mittwoch, der 25. Februar 2009 Neue Startseite: der Baum des Wissens und der Bücher Habe heute die neue → Startseite ins Netz gestellt; die einzelnen Schriftbänder, Wurzelknoten und Früchte des Baumes zeigen eine Auswahl der Gebiete, bisweilen mit anderen Suchen verknüpft als oben in den Herunterrollmenüs. Der Baum erscheint mir als die einzig angemessene Darstellung der Fakultäten unseres Wissenskosmos: er wächst von unten nach oben, hat seine Wurzeln fest in der Erde, und die Zweige, Blätter und Früchte in den Himmel gestreckt. Sein Stamm ist aufrecht, selbst den Stürmen hält er, hoffe ich, noch einige Zeit stand – trotz Internetz und immer beliebterer Nachlässigkeit im Denken. So ist meine Themenanordnung hier durchaus programmatisch zu verstehen. Den unteren zentralen Knoten hätte ich mit gleicher Berechtigung ‚Neugier’ benennen können, gäbe die Notwendigkeit hier nicht ‚Suchen’ vor, denn ohne diesen Drang, das Unbekannte zu erforschen, wäre uns der Wissensbaum wie jeder, und wir hüpften immer noch in seinen Ästen herum und entlausten uns gegenseitig. Das Motiv selbst entstammt einer frühen Lull-Ausgabe des 16. Jahrhunderts, doch ist der Holzschnitt für meine Zwecke abgewandelt, einiges Überflüssige entfernt, das Ganze in die Breite gezogen, um den Bildschirm auszufüllen. Bei dieser Gelegenheit fallen mir natürlich die anderen Bäume ein, die → Estienne-Druckermarke, die der → Elzevier – und die mythologischen Bäume, angefangen von dem im Paradies. Und hätten unsere Vorfahren nicht von seinen Früchten gegessen, gäbe es all die anderen und meinen nicht. Unser kleiner Kosmos kreist um den Baum, die Weltesche, die wohl eher eine Eibe war, die Schamanenaufstiege, Ranke-Graves Theorien zu Jesus und so weiter. Für den Seitenhintergrund habe ich ein Blatt der → Kelmscott Press, das schöne handgeschöpfte Büttenpapier von J. Batchelor & Son, eingelesen. Ich kann es wechselweise in einem cremigen Papierton, der dem des Originals auf den meisten Bildschirmen relativ nahe kommen sollte, oder wie zur Zeit in hellblau darstellen. → Aldus war meines Wissens übrigens der erste, der einige besondere Exemplare mancher Werke auf blaues Papier druckte. Nachtrag vom 20. April: Alles grünt, der wilde Flieder blüht, die Kastanien senden ihren Duft über die Straße, die ganze Welt kleidet sich in Farben, also möge auch mein Baum des Wissens farbenfroh erblühen! Mittwoch, der 18. Februar 2009 Borges-Übersetzer Für mein kleines Buch über Mythen brauchte ich ein Zitat von Jorge Luis Borges. Die deutsche Übersetzung von Karl August Horst u.a. stellte sich als ungenau heraus, leider; die englische scheint mir präziser; aber letztlich habe ich eine spanische Originalausgabe zu Rate gezogen und Wort für Wort nachgeschlagen. Das ist umso betrüblicher, als die erste deutsche Ausgabe der „Labyrinthe“ eigentlich ein schönes Buch ist, sauberer Buchdruck auf angenehm strukturiertem Werkdruckpapier.
|
Themen → 2. Juni 1967 → Arme Schweine → Aucassin & Nicolette → Baum des Wissens → Borges’ Übersetzer → Buchanfänge → The Canterbury Tales → E-Bücher → Floskeln → Frühlingsanrufung → Kermani → kleine Bücher → Kulturkonserven → Lesefreundlichkeit → Lieblingslektüre → Melancholisches → Messen → Minus-Wachstum → Ordnung der Dinge → Ostern → Rätsel → Sammeln → Schlangenhäutung → A Sense of Wonder → Sprachnormierung → Stadtarchiv Köln → Toxillionen → Verbraucher → Zensur |
|