„Erstaunen
und Schrecken war
auf allen Gesichtern verbreitet und man erwartete, daß jetzt
etwas Außerordentliches geschehen werde.“
„Die
Blutsauger“, p. 216
Byron,
Polidori & ihre Nachfolger
Man könnte dies ebenso berechtigt „Von Apollonius bis Buffy“ benennen, so lange treibt uns dies Thema bereits um. Da ich jedoch aus Rationierungsgründen beschlossen habe, mich auf jene Zeit zu beschränken, die den modernen Vampir aus der Wiege gehoben hat, kann ich einen recht genauen Zeitpunkt bestimmen, der für zwei der Mythen unserer Gegenwart verantwortlich zeichnet: jene Begegnung englischer Dichter und Schriftsteller in der Schweiz.
In der Villa Diodati am Genfer See kommen im Juni 1816 zusammen: Lord Byron (1788-1824) mit seinem Leibarzt Dr. John William Polidori (1795-1821), Percy Bysshe Shelley (1792-1822) mit seiner Geliebten Mary Godwin, spätere Mary Wollstonecraft Shelley (1797-1851), sowie deren Stiefschwester Claire Clairmont (1798-1879), die Geliebte Byrons.
Es trat ein die angewandte Genese der Literatur aus der Literatur: gemeinsam las man eine Anthologie deutscher Gespenstergeschichten, und daraus entwickelten sich in den Häuptern der Teilnehmer eine kurze Vampirgeschichte, „Frankenstein; or, The Modern Prometheus“ und „The Vampyre“.
Ken Russel hat diese Zusammenkunft in „Gothic“ verfilmt, etwas hektisch, mit reichlich hysterisch im Haus herumstreunenden Darstellern, doch teils schönen Einstellungen, die mich an Jean Rollin erinnern, dessen Filme ich bei der Gelegenheit jedem ans vampirische Herz, meine die Augen, legen möchte.
Welche sind diese modernen Mythen? Der erste scheint mir eine Form des menschlichen Beieinanders in literarische Gestalt zu bringen, nämlich das meist einseitig verlaufende Ausnutzen des Anderen; der zweite, dem schöpferischen Menschen eigen, seine Schöpferkraft zu hinterfragen: Vampir und künstlicher Mensch.
Der erste lebt vom noch-lebendigen anderen Wesen, der zweite bezeichnet den Versuch, Leben aus Anderem, Totem nämlich, zu erzeugen. Benötigte der Golem noch ein Gotteswort in seinem Lehmkörper, kommt das Geschöpf Frankensteins ohne diesen Beistand einer außenstehenden dritten Partei aus, benötigt nur elektrischen Strom samt der geeigneten Maschinerie. Und die Phiolen Paracelsi, jene im „Faust“ vereinen sich in unserem Blick mit denen in „Alien: Resurrection“ wie in den Laboren der Genforscher: da wir die Folgen unseres Tuns nie abzusehen vermögen, ist uns schrecklich und verstörend stets nur das mißglückte Experiment, denn es erinnert uns an unsere Begrenztheit und Fehlbarkeit, steht als Symbol all unserer Makel mißgestalt vor uns.
Beiden, dem Monster wie dem Vampir, ist der Verstoß gegen den Ablauf der Natur wie die Regeln der Gesellschaft gemein: Totes durch menschliche Manipulation zum Anschein des Lebens gelangt – lebend, tot, dann untot, da im Nicht-Tod zu Scheinleben gelangt.
Und ist dies Bild des sich von anderen Menschen ernährenden Wesens nicht die stets gültige Metapher von undurchschaubarer, möglicherweise geheimer Herrschaft, der Adel abgelöst von den Kapitalisten, von den Politikern, den Bankstern, egal wer saugt, auf ihren Lebenswegen lassen die Untoten Tote und weitere Untote zurück – wer wollte dies bezweifeln, schaue man nur in die Augen der Mitreisenden.
Aber nicht allein ein erotisches oder ein Machtverhältnis drücken sich in der Metapher des Vampirs aus, sondern gleichfalls der Regelverstoß, darum war sie den Romantikern bedeutungsvoll, darum ist sie stets modern, denn der Vampir, löst er sich von seiner Herkunft, ist nicht mehr adlig, sondern tritt aus der Gesellschaft, ist Mann ohne Rang, der seine Heimat ohne Einbuße zu verlassen vermag, nur noch sein eigen, wird zum herumirrenden, andere anziehenden Mahnmal eines Anders-Seins, der Möglichkeit, jenseits des Überkommenen zu leben, stets auf Kosten anderer – aber dies zeichnet unser Dasein sowieso aus, egal ob Mohrrüben lautlos schreien, werden sie der Erde entrissen, ob Tiere leiden, werden sie zu Fleisch verstümmmelt, egal, was oder wer am Wegrand zurückbleibt, unser Leben ist auf dem Ableben anderen Lebens errichtet. Daß es hier im Vampirischen unsere Artgenossen trifft, ist bedauerlich, aber ehrlicher als alles andere.
Und unsere moderne Gesellschaft hat ein Maximum an Wegdrücken des zum Leben Gehörenden entwickelt: der Tod findet anderswo statt, in den Krankenhäusern, im Fernsehen, in Livestream, nur nicht in der Wohnung nebenan; die Krankheiten sind etwas für die Versicherungen und die Ärzte, etwas technisch in den Griff zu Bekommendes, das unser normales Dahinleben nicht mehr stören sollte als ein Kopfweh, das mit Tabletten kuriert wird.
Darum, deswegen holen uns die Gespenster wieder ein, zuerst als Parabel, dann immer näherkommend, bis sie bei uns sind, uns in den Nachtträumen ebenso wie in den literarischen Träumen zu beißen.
Literatur wie Kunst greifen dies auf, sie sind geradewegs verpflichtet, zur Gegenstimme des eingespielten Diskurses zu werden. Und merke: nur in der Phantasie siegt am Ende meist das Gewöhnliche, konventionell das ‚Gute’ genannt, in der Realität mag das anders sein.
Bibliographie
Die literarische Entwicklung des Vampirs von Zedler bis Poe
1745
Zedler: Grosses
vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und
Künste. Leipzig und Halle: Johann Heinrich
Zedler, 1745. Band
46, Spalten 474-482: „Vampyren, oder Blutsauger“.
1746
Dom Augustin
Calmet: Dissertations
Sur Les Apparitions Des Anges, des
Démons & des Esprits. Et Sur Les Revenans Et
Vampires. De Hongrie, de Boheme, de Moravie, & de Silesie.
Paris: De Bure l’aîné, 1746.
Caillet I,1964 – Rosenthal 8623.
1748
Heinrich August
Ossenfelder: Der
Vampir, Gedicht. In: Der
Naturforscher. Achtundvierzigstes Stück. Leipzig,
Sonnabend,
den 25. des Mays, 1748. p. 380 sq.
1752
Dom Augustin
Calmet: Gelehrte
Verhandlung der Materi, Von Erscheinungen
der Geistern, Und denen Vampiren in Ungarn, Mahren &c. Aus
deren Anlaß auch darin von Zaubereyen und Hexereyen, von
Besessenen und Bezauberten, von denen alten heydnischen Oraculis, oder
Götzen-Bescheiden, vom Wahrsagen und Offenbaren verborgener
oder künfftigen Dingen, von Wirckungen und Blendungen des
Satans, von Erscheinungen so wohl Verstorbener, als auch noch Lebender,
die andern weit entfernten Menschen geschehen seynd &c.
gehandlet wird. Augsburg: Matthäus Rieger, 1752.
Rosenthal 1838.
1768
Gerard van Swieten:
Vampyrismus
von Herrn Baron Gerhard van Swieten
verfasset, aus dem Französischen ins Deutsche
übersetzet, und als ein Anhang der Abhandlung des Daseyns der
Gespenster beigerücket. Augsburg, 1768.
1774
Gottfried August
Bürger: Lenore,
Ballade. In: Musen
Almanach A
MDCCLXXIV. Göttingen: Johann Christian Dieterich,
1774. pp.
214-226.
Goedeke IV,i,10,e – Tymn: Horror 1-52.
1784
Georg Tallar: Visum
Repertum Anatomico-chirurgicum, oder,
gründlicher Bericht von den sogenannten Blutsäugern,
Vampier, oder in der wallachischen Sprache Moroi, in der Wallachey,
Siebenbürgen, und Banat: Welchen eine Eigends dahin
Abgeordnete Untersuchungskommission der Löbl. K. K.
Administration im Jahre 1756 erstattet hat. Wien und
Leipzig: bey
Johann Georg Mößle, 1784.
1789
Gottfried August
Bürger: Lenore,
Ballade. In: Gedichte.
Band
II, Zweytes Buch. Göttingen: Johann Christian Dieterich, 1789.
Überarbeitete Fassung.
Goedeke IV,i,54.
1797
Johann Wolfgang von
Goethe: Die
Braut von Corinth. Romanze. In: Musen-Almanach
für das Jahr 1798. herausgegeben von Schiller.
Tübingen: J.G. Cottaische Buchhandlung, 1797. pp. 88-89.
Hagen 610 – Tymn: Horror 1-131.
1801
Robert Southey: Thalaba
the Destroyer. London: T. N. Longman &
O. Rees, 1801.
Das erste englische Gedicht, das „Vampire“
erwähnt.
1801
[Theodor Ferdinand
Kajetan Arnold:] Der
Vampyr. Drei
Bände.
Schneeberg, 1801.
Hirschberg/Goedeke 28 – Kosch: Deutsches Literatur-Lexikon3
I,162 – Holzmann/Bohatta IV,8745 – Hayn/Gotendorf
VIII,67.
1810
John Stagg: The Vampyre,
Gedicht. In: The
Minstrel of the North: or,
Cumbrian Legends. Being a Poetical Miscellany of Legendary, Gothic, and
Romantic, Tales. London: Printed by Hamblin and Seyfang,
Queen-Street, Cheapside. For the Author, and Sold by J. Blacklock,
Royal Exchange, 1810.
Small quarto. [1-8], [1], 2-376 pp.
“Contains ‘The Vampyre’ wherein a vampire
is slain by a consecrated sword.
Possibly the first vampire poem in English after Coleridge’s
‘Christabel.’ The poem is so gory that it might be
a parody – certainly the prose preface is
tongue-in-cheek” (Tymn).
Tymn: Horror 6-53.
1812
Giuseppe Palomba
(Text) & Silvestro Palma (Musik): I Vampiri,
opera buffa, 2 Akte. Premiere: Neapel, Teatro nuovo, 1812.
1812
Der Vampyr, oder
die blutige Hochzeit mit der schönen Kroatin.
Eine sonderbare Geschichte vom böhmischen Wiesenpater.
Erfurt:
Müller, 1812.
Bloch 135.
1813
George Gordon
Byron, 6th Baron Byron, i.e. Lord Byron: The Giaour, A
Fragment Of A Turkish Tale. Versepos. London: John Murray,
1813.
1816
Samuel Taylor
Coleridge: Christabel,
Gedicht. In: Christabel:
Kubla
Khan, A Vision; The Pains of Sleep. London: Printed For
John Murray,
Albemarle-Street, By William Bulmer And Co. Cleveland-Row, St.
James’s, 1816.
Das erste englische Vampirgedicht, verfaßt zwischen 1797 und
1801. Beeinflußte Edgar Allan Poe, insbesondere dessen
Gedicht
„The Sleeper“, 1831.
1819
[John William
Polidori:] The
Vampyre. A Tale by Lord Byron, in: New
Monthly Magazin. London: Colburn, 1. April 1819. &
London: Printed for Sherwood, Neely, and Jones, 1819.
Octavo. [i-vii], viii-xvi, [xvii-xix], xx-xxv, [xxvi], [27], 28-84 pp.
Die erste englische Vampirgeschichte. Handlungsorte sind London,
Griechenland, London. Es existieren fünf Druckvarianten der
Buchausgabe. Angebunden teils ein sechzehnseitiger Verlagskatalog,
datiert „November 2d, 1818“.
Wise: Byron II,71 – Tymn: Horror 1-304 – Barron:
Horror 1-79 –
Clute/Grant 773.
1819
Jean-Charles
Emmanuel Nodier: Rezension von Polidoris The Vampyre, in Le Journal des
Débats. Paris: Bertin
l’Aîné, 1. Juli 1819.
1819
[H. Faber
(Übersetzer) – John William Polidori:] Der
Vampyr. Eine Erzählung aus dem Englischen des Lord Byron,
nebst einer Schilderung seines Aufenthaltes auf der Insel Mitylene.
Leipzig: Leopold Voß, 1819.
Bloch 2442 – Hirschberg/Goedeke 78.
1820
John Keats: Lamia,
Gedicht, verfaßt 1819. In: Lamia,
Isabella, The Eve of St. Agnes, and Other Poems. London:
Taylor and
Hessey, 1820.
Beeinflußte Edgar Allan Poe, insbesondere dessen Sonett To
Science, Zeilen 229-238.
MacGillivray A3.
1820
[Cyprien
Bérard:] Lord
Ruthwen Ou Les Vampires. Roman De C.
B. Publié Par L’Auteur De Jean Sbogar Et De
Thérèse Aubert. Zwei Bände.
Paris: Chez
Ladvocat, 1820.
Auf pp. i-iv: „Observations
Préliminaires“ von Charles Nodier.
Fortsetzung von John Polidori: The
Vampyre. Handlungsorte der durch
einige Nebenerzählungen aufgelockerten Hauptgeschichte sind
Venedig, Rom, Modena.
1820
Jean-Charles
Emmanuel Nodier, Pierre-François-Adolphe
Carmouche & Achille-François de Jouffroy; Alexandre
Piccini (Musik), Ciceri (Bühne): Le Vampire.
Premiere:
Théatre de la Porte Saint-Martin. Paris, 13. Juni 1820.
Clute/Grant 690.
1820
[Marc-Antoine-Madeleine
Désaugiers:] Cadet Buteux Vampire;
ou Relation véridique du prologue et des trois actes de cet
épouvantable mélodrama, écrite sous la
dictée de ce passeux du Gros-Caillou par son
sécretaire Désaugiers. Paris:
Frédéric-Guillaume Rosa, 1820.
Eine Parodie über Nodiers Bühnenstück.
1820
Pierre de la Fosse
(Pseudonym): Le
Vampire; Mélodrama en 3
actes. Paroles de M. Pierre de la Fosse de la rue des Morts. 1820.
1820
James Robinson
Planché (Übersetzer): The Vampire
oder The Bridge of the Isles.
Übersetzung von Nodiers Stück, Premiere London,
August 1820.
Clute/Grant 765.
1821
Anonym: Die Blutsauger.
Roman. Quedlinburg und Leipzig: Gottfried
Basse, 1821.
Gestraffte Übersetzung von Cyprien Bérard: Lord
Ruthwen Ou Les Vampires.
Bloch 358 – Holzmann/Bohatta VII,1793 (falscher Verfasser:
Nodier).
1821
Ernst Theodor
Amadeus Hoffmann: Die
Serapions-Brüder. Gesammelte
Erzählungen und Mährchen. Vierter Band.
Berlin:
Gedruckt und verlegt bei G. Reimer, 1821. Achter Abschnitt: Cyprians
Erzählung.
Salomon 119.
1822
Jean-Charles
Emmanuel Nodier: Vampire
de Hongrie. In: Infernalia.
Paris: Chez Sanson, Nadau, 1822.
Caillet III,8026.
1822
Heinrich Ludwig
Ritter (Übersetzer, Bearbeiter): Der Vampyr
oder die Todten-Braut, ein romantisches Schauspiel in drei Acten, in
Verbindung eines Vorspiels: der Traum in der Fingalshöhle,
nach einer Erzählung des Lord Byron.
Braunschweig: G.C.E.
Meyer, 1822.
Basiert entgegen der Titelangabe auf Jean-Charles Emmanuel Nodier,
Pierre-François-Adolphe Carmouche und
Achille-François de Jouffroy, welches auf John Polidori: The
Vampyre basiert.
Enslin/Engelmann I,451.
1825
Étienne-Léon
de Lamothe-Langon: La
vampire, ou la
vierge de Hongrie. Drei Bände. Paris: Cardinal,
1825.
1826
Cassel (Text)
& Martin-Joseph Mengal (Musik): Le Vampire ou
L’Homme du néant. Opéra
comique, 3
Akte. [Textbuch:] Brüssel: Gand Chez tous les Marchands de
Musique ; Chez l’Auteur (gravé par Ris), s.a.
Premiere: Ghent, 1826.
1826
Karl Spindler: Der
Vampyr und seine Braut. Ein Nachtstück aus
der neuesten Zeit. In: Zwillinge. Zwei
Erzählungen, nebst
einem Anhange von Originalbriefen. Hanau: Edler, 1826.
1827
Friederike
Ellmenreich: Der
Vampyr. In: Lustspiele
frei nach dem
Französischen bearbeitet. Mainz: Kupferberg, 1827.
Nach Scribe.
Kosch: Deutsches Literatur-Lexikon3 IV,181.
1828
[Alex Cosmar:] Der
Vampyr. Trauerspiel in fünf Abtheilungen;
nach einer Spindlerschen Erzählung bearbeitet.
Berlin, 1828.
Holzmann/Bohatta IV,8746 – Kosch: Deutsches
Literatur-Lexikon3 II,786 – Enslin/Engelmann I,451 (ungenau).
1828
Cäsar Max
Hegel (Text) & Peter Joseph von Lindpaintner
(Musik): Der
Vampyr.
Romantische Oper in drei Akten, nach Lord
Byron’s Dichtung. [Textbuch:] München:
Franz Seraph
Hübschmann, 1828. Premiere: Hoftheater in Stuttgart am 21.
September 1828.
Basiert auf Heinrich Ludwig Ritter, welcher auf Jean-Charles Emmanuel
Nodier, Pierre-François-Adolphe Carmouche und
Achille-François de Jouffroy zurückgeht. Eine von
Lindpaintner überarbeitete Version datiert 1850. Der
Handlungsort ist Südfrankreich.
1828
Wilhelm August
Wohlbrück (Text) & Heinrich Marschner
(Musik): Der
Vampyr,
große romantische Oper in zwey
Aufzügen. Premiere: Theater der Stadt Leipzig,
29.
März 1828.
Basiert auf Heinrich Ludwig Ritter: Der Vampir oder die Totenbraut.
Sonstige Quellen/Vorlagen wie Hegel/Lindpaintner. Der Handlungsort ist
Schottland.
1828
Theodor
Hildebrandt: Der
Vampyr oder Die Todtenbraut, Ein Roman nach
neugriechischen Volkssagen. Zwei Teile. Leipzig: Christian
Ernst
Kollmann, 1828.
Bloch 1489 – Kosch: Deutsches Literatur-Lexikon3 VII,1162.
1833
Henry Thomas
Liddell: The
Vampire Bride. In: The
Wizard of the North:
The Vampire Bride, and other Poems. Edinburgh: Blackwood
&
London: Cadell, 1833.
1835
Edgar Allan Poe: Berenice.
A Tale. In: The
Southern Literary Messenger.
Richmond: T.W. White, March, 1835. p. 333.
Heartman/Canny 52 & 251.
Die nachgewiesenen Verfasser von Anonyma sind in [Klammern] angeführt. Um die Angaben nicht unübersichtlich werden zu lassen, werden meist nur die wichtigsten bibliographischen Nachweise genannt. Für Korrekturen und Ergänzungen bin ich dankbar.
Seelensauger
Vampire im Werk von Georg Sylvester Viereck
Der gemeine Vampir, wie er uns exemplarisch in Filmen begegnet, ist ein Blutsauger, ein materialistisches Wesen, das seinem Körper zwecks Überleben Flüssigkeit zuführt. Er steht jeglichem Glauben, womit meist der christliche gemeint ist, ablehnend gegenüber, vielleicht sogar der Transzendenz, da er solange leben wird, wie er Speise findet und niemand ihm einen Pfahl durchs Herz schlägt, sein weiteres ist ungewiß, denn als ‚seelenlos’ apostrophiert, ermangelt es ihm jenes Teils, das zur Höllenfahrt geeignet wäre. Sein Gebiß ist seiner Ernährungsmethode entsprechend ausgestattet und mit längeren Eckzähnen versehen, oder spannungsteigernd fahren diese bei Durst langsam aus.
Der höhere Vampir, sozusagen seine kulturelle Fortentwicklung, ernährt sich wie jedermann, seine Begehr ist die Schöpferkraft anderer: also schart er vornehmlich Künstler sowie Dichter um sich, damit sie seiner eigenen Tätigkeit weiterhelfen, vielleicht sie erst ermöglichen.
„Er macht wie unter dem Eindrucke eines höheren Willen hypnotisierende Bewegungen, gewinnt dann die Macht über sich selbst und tritt zurück“, so beschreibt es Viereck in seinem → Theaterstück „Der Vampyr“. Also widerstrebt es dem Vampir, sein Verlangen direkt zu erfüllen, er ist in sich gebrochen, es beherrscht ihn der Trieb, hier ‚höherer Wille’ benannt, eigentlich sein Wesen, sich zu nehmen, was ihm ermangelt, wonach ihm gelüstet, doch wird er behindert durch ein gesellschaftlich angemessenes Verhalten, das ihn sein Laster verbergen heißt, denn nur im Verborgenen kann er seiner Bestimmung, sich zu nähren, nachgehen, würde sie offenbar, fände er sich ohne Begleiter, damit ohne Opfer, zurückgelassen.
In seinem Umgang verlieren künstlerisch veranlagte Menschen ihre Genialität, meist werden sie gewöhnlich; was zuvor farbig war, wird matt, Verse verlieren ihre Lebendigkeit, Romane entstehen im Kopf und verbleiben ungeschrieben – nur um verwandelt im Schaffen des Vampirs aufzutauchen. Es ist nicht dasselbe, das seinem Pinsel oder seiner Feder entrinnt, doch ein Gleichwertiges, gesteigert durch seine eigenen Fähigkeiten, von denen unklar verbleibt, ob sie wirklich ihm gehören, oder ob selbst sie sich langsam angesammelt haben.
Der Künstlervampir setzt sich vom Kopisten ab: letzterer rafft und klebt aneinander, der Vampir verdaut sozusagen; die geistigen Fähigkeiten und Träume der anderen ziehen durch sein Wesen und verwandeln sich in ihm in sein Eigen. Trotzdem ist er sich der Abhängigkeit gleichwie der Genese seiner Produkte bewußt. Dies heißt ihn, ausgesaugte Geister von sich zu stoßen, neue heranzuziehen, denn nur der stete Nachschub gewährt, das erlangte Niveau beizubehalten.
„’Nein, es ist kein Ausweg vorhanden’, hörte er Clarke sagen und seine Stimme hatte einen harten, metallischen Klang. Eine Knabenstimme erwiderte etwas; sie hörte sich klagend an“ (→ Viereck: „Das Haus des Vampyrs“, p. 28). Dies bezeichnet die masochistische Seite im Verhältnis des Opfers zu seinem Vampir: es sieht den Verlust seiner Fähigkeit, doch hängt es dem Meister und seinem Genie an, vergöttert ihn beinah und fühlt sich unfähig, sich von ihm zu lösen.
Beide, Vampir und Ausgesaugter, sind in sich gebrochen, der eine in seiner Stärke, der andere in seiner Schwäche. Das klingt modern, ist zweifellos auch zeitgemäßer als der zähnebleckende Filmvampir. Anders als durch Blut, das schließlich beinah jeder irgendwie in seinem Körper fließen hat, zeichnen sich die Seelensauger und ihre Opfer durch ihr Talent, ihr Genie aus, das macht sie zu Einzelgängern und ihren Kreis zu einem exklusiven: ein jeglicher vermag unfreiwillig Blut zu geben, Talent nur wenige.
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